Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
294 Walter Hummelberger war, als ein Passus in dem Testament15), welches er am 15. April 1879, vor Antritt seiner großen, in Begleitung Brehms unternommenen Reise nach Spanien verfaßte: „Einen Gruß dem 36. Regiment, meiner eigentlichen Heimat!“ Und als er wieder zurückkam, schrieb er einem Freunde, daß er nach Böhmen reise, „kde jest domov műj“ la). Ein Jahr später verlobte sich der Kronprinz, und es war beschlossen — ein neuerlicher Beweis für Rudolfs Sympathie —, daß das junge Paar den Hradschin beziehen werde. Anläßlich der Verlobung konnte man auch in unabhängigen Blättern der tschechischen Presse, wie im „Pokrok“ und im „Prazsky dennik“6H), freundliche Worte lesen und andererseits zeugt ein enthusiastischer Brief, welchen der Kronprinz am 5. April 1880 an Latour schrieb, von den herzlichen Beziehungen, die ihn mit Böhmen verbanden: „... Der Patriotismus hier ist ein kolossaler; außerdem sind mir hier Alle, Adel und alle anderen Klassen der Bevölkerung sehr anhänglich, persönlich zugetan. Ich war selbst enthusiasmiert und wenn man das aus der Rede durchfühlt, dann wirkt es ansteckend. Die Deputation des Adels war ein schöner Moment meines Lebens. Ich habe noch nie bei einer ähnlichen Gelegenheit so eine Bewegung gesehen. Ich wurde im Reden durch Zurufe für Sekunden unterbrochen. Auch die Deputation des Landesausschusses war hübsch, doch weniger lärmend. Dafür ließ die Wirkung, die meine kurze Ansprache an die in großer Menge erschienenen Vertreter der Stadt Prag ausübte, nichts zu wünschen übrig. Als ich auf deutsch von „meiner lieben Stadt Prag“ sprach, unterbrachen sie mich durch laute Sláva-Rufe, und wie ich dann auf Tschechisch von meinem weiteren Verbleiben in Prag sprach, erscholl ein wahres Gebrüll. Den Tag darauf waren meine Worte an allen Straßenecken angeschlagen. Wo ich jetzt erscheine, werde ich mit Sláva-Rufen begrüßt. Die Ovationen in beiden Theatern waren magnifique, im böhmischen sogar dadurch ganz merkwürdig, daß die Volkshymne vom ganzen Publikum gesungen wurde. Die Stadt Prag hat mir in vielen Gelegenheiten und in dieser wieder eine Liebe und Anhänglichkeit gezeigt, wie nie eine andere in diesem Maße. Als Bräutigam hat Böhmen und Prag, vom höchsten Adel bis zum ärmsten Arbeitervolk, mich am schönsten, herzlichsten empfangen. Das Gefühl der Dankbarkeit und Liebe zu einer Bevölkerung, das ich in diesen Tagen gefühlt, kannte ich früher in diesem Maße noch nicht. Und es ist nur die gewöhnliche Dankbarkeit, wenn ich sage, daß ich, in welch’ einer Situation immer, ein treuer Freund und Vertreter dieses schönen, guten Landes sein werde. Die Liebe, die mir die untersten Schichten der Bevölkerung bewiesen, hat mich so gerührt. Vor sieben Uhr früh kam ich an, und schon waren alle Gassen gesteckt voll, die Stadt wirklich bedeckt von Flaggen, lauter korrekte!, keine slavischen, keine deutsche, nur schwarz-gelb, rot-weiß einige belgische! Was der Grund ist, weiß ich nicht, doch der Unterschied mit Wien war kraß. Besonders die Wiener Aristokratie, da ist es besser, keine Vergleiche zu machen. Die Deputation des Adels, alle in Uniformen, einige junge Herren, halbe Kinder, waren im Frack. Doch die Haltung Aller! Die vielen alten österreichischen Uniformen unter den älteren is) Nachlaß des Kronprinzen (Selekt Kronprinz Rudolf 13 fol. 47r—52«, Zitat 50v). i6) ,Wo meine Heimat ist': Brief an Graf Bombelles, ddo Tegernsee 18. August 1879. Selekt Kronprinz Rudolf 16. SH) Fortschritt' bzw.,Prager Tagblatt'.