Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
292 Walter Hummelberger der Hof- und Burgpfarrer nicht vorstehen sollte, nicht Wege einschlagen werde, die nicht zu billigen wären“. Auch die Angabe über die Ziffer der tschechischen Bevölkerung Wiens wurde als etwas hochgegriffen angesehen. Die volle Ausbildung im tschechischen Sprechen und Denken des Kronprinzen war der Tätigkeit Hermenegild Jireceks Vorbehalten, der damals Sektionsrat im Unterrichtsministerium in Wien war und welchen Gindely als seinen Nachfolger empfohlen hatte: „Jirecek muze ukoncit ceho jsem zapocal“4H). Mit Feuereifer unterzog sich dieser dem ihm erteilten Auftrag, und selten hat wohl ein Lehrer über sich selbst so gewissenhaft Rechenschaft abgelegt, als Jirecek in seinen Aufzeichnungen. An der Hand derselben konnte er später über seine Lehrmethode und über die Fortschritte seines Schülers in seinen Erinnerungen derartig ins Einzelne gehende Mitteilungen machen, daß seine Darstellung ganz allgemein als ein überaus wertvoller Beitrag zur Erziehungsgeschichte gewertet werden darf n). Bedenkt man, daß er dem Kronprinzen insgesamt nicht mehr als sechzig Unterrichtsstunden erteilen konnte, so ist es erstaunlich, daß ihm ein deutlicher Erfolg beschieden war. Kaiser Franz Joseph selbst hatte Jirecek den Hauptzweck seines Unterrichtes angegeben: „Trachten Sie nur, daß der Prinz gut spreche. Es ist mir sehr daran gelegen, daß der Prinz die Sprache gut spreche.“ Darauf kommt Jirecek dann auch in seinem Schlußbericht vom 1. Juli 1877 * 12) zurück: „Die Aussprache ist im lauten Lesen und namentlich im Sprechen gut und wird das von Seiner Hoheit Gesprochene von jedermann, der der böhmischen Sprache mächtig ist, richtig verstanden. Auch im Schreiben besitzt Seine Hoheit die nötige Fertigkeit“. Rudolf hat damals seine Studien überhaupt abgeschlossen, er wurde selbständig und unternahm nun Reisen nach Süddalmatien, in die Schweiz, mit der Kaiserin nach England und späterhin nach Berlin. Am 28. Juli 1878 verfügte der Kaiser die Einrückung des Kronprinzen als k. k. Oberst beim Infanterieregiment No. 36. Das Regiment war das Prager Hausregiment5H), und so verknüpfte sich Rudolfs Leben, der schon im Sommer 1871 eine Rundreise durch Böhmen und Mähren gemacht und auch 1876 und 1877 Böhmen besucht hatte, fortab mit der herrlichen Stadt an der Moldau, mit der herrlichen Residenz auf dem Hradschin. Wie sehr diese Residenz vereinsamt war — in Prag lebte damals nur u) Hermenegild Jirecek „Őeské uceni korunniho prince arciknizete Rudolfa [Der Tschechischunterricht des Kronprinzen Erzherzog Rudolf] (1875—1877)“ in: „Osveta“ 1906 pp. 313—323, 385—394. 12) Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, Selekt Kronprinz Rudolf 1, in tschechischer Sprache. 1H) ,Jirecek kann beenden, was ich begonnen habe“. 5H) Das ist ein Irrtum: Das „Prager Hausregiment“ war das böhmische IR Nr. 28, Ergänzungsbezirk Prag; das böhmische IR Nr. 36 hatte den Ergänzungsbezirk Jungbunzlau und war zu dieser Zeit in Prag stationiert.