Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 289 hauses 3). Im Unterrichtsplane des Kaisers Franz Josephs selbst sind seit dem Jahre 1837 außer der französischen auch die böhmische und die ungarische Sprache eingestellt gewesen4). So wie also der Vater bereits mit sieben Jahren die böhmische Sprache zu erlernen begann, so erhielt auch der Sohn, und zwar in einem noch früheren Lebensalter Unterricht in tschechischer Sprache. Hauptmann Spindler wurde bereits am 1. Mai 1862 — Rudolf war damals vier Jahre alt — zum Lehrer der böhmischen Sprache berufen und er hatte diese Stellung bis zum November 1869 inne. Selbstverständlich beschränkten sich die Kenntnisse des Prinzen damals auf den kleinen Kreis der kindlichen Vorstellungswelt. Spindler las mit dem Kronprinzen Karla VinarickéholH) „Vlast“, „Vzory pro ditky k pouceni“, „Obrazy z pousté“, „Cesta svétem“, „Kam dítko rád chodi“ und „Besidka ditek“. Aber Rudolf mußte auch Briefe in tschechischer Sprache schreiben, vor allem an seinen Vater. Einer derselben, den der Kronprinz an Franz Joseph richtete, als dieser bei Kaiser Napoleon III. zu Besuch weilte, hat sich in dem Kopialbuch seiner Briefe erhalten 5). Er folgt hier genau nach dem Originaltext 2H). An Seine Majestät den Kaiser in Paris. V Senbrune dne leho listopadu 1867. Nejmilejsi tatinku müj! Vcera slysel jsem s radosti, co mila maminka mné predcetla z tveho psani. 3) Ferdinand Őensky, Öesky jazyk v císarské rodiné [Die tschechische Sprache in der Kaiserfamilie]. Osvéta [Kultur] 1886 pp. 97, 204, 312, 404. — Josef Svátek, Habsburkové a cesky jazyk [Die Habsburger und die tschechische Sprache]. Osvéta 1886 pp. 668—681 und 765—777. 4) Vergl. Dr. Otto Ernst, Franz Joseph I. in seinen Briefen, Rikola Verlag 1924, S. 48. 5) Nachlaß des Kronprinzen Rudolf, jetzt im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, Kopialbuch No. 57 (= Selekt Kronprinz Rudolf 12 fol. 29rv). lH) In der tsch. F. ist der Vorname des Verfassers Karel Vinafcky (im Manuskript stehen Vor- und Zuname in der Genetivform) weggelassen. Die Buchtitel-Übersetzungen lauten in der Reihenfolge: ,Heimatland', ,Vorbilder zur Belehrung für Kinder', ,Bilder aus der Wüste', ,Die Reise um die Welt', ,Wo ein Kind gern hingeht',,Kinderunterhaltung'. 2H) Dieser Brief des neunjährigen Kronprinzen findet sich nicht im deutschen Originalmanuskript, sondern nur in der tsch. F. 572. Übersetzung: ,In Schönbrunn, am 1. November 1867. Mein liebster Papa! Gestern habe ich mit Freude gehört, was mir die liebe Mama aus Deinem Brief vorgelesen hat. Es hat mir auch der sehr schöne „toast" gefallen, den mir meine Herrn vorgelesen haben. Vom Generalstab habe ich eine Darstellung des Krieges in Italien und Böhmen im Vorjahr erhalten. Gestern Abend war ich in Hütteldorf zuschauen, wie ein Dachs ausgegraben wurde. Es waren zwei Dachse in der Höhle, wir hörten sie fauchen und sahen auch dreimal ihre Schnauzen. Wir mußten aber dann Weggehen, erst um 2 Uhr in der Nacht haben die Jäger einen gefangen, und der andere ist entkommen. Der Mama und Gisela geht es gut, Gisela hat schon keine Zahnschmerzen mehr. Du bleibst lange in Paris ich freue mich schon sehr, bis Du wieder zu uns zurückkommst, lieber Papa. Ich küsse Dir die Hand und bitte Dich, mir Deine Liebe zu bewahren. Dein Rudolf. Mitteilungen, Band 38 19