Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

288 Walter Hummelberger seiner Zeit überhaupt erst zum geringsten Teil verarbeitet sind und weil ein sehr wichtiges Material, welches einen vollen Einblick in die politi­schen Anschauungen und in die außergewöhnliche Tätigkeit des einstigen Thronfolgers ermöglicht, noch der Herausgabe harrt'). So wie die Ge­schichte seines Todes eine Beute der Sensationslust und der Sagenbildung wurde, so ist auch das, was wir von seinem kurzen Leben wissen oder vielmehr zu wissen vermeinen, reichlich mit Irrtümern durchsetzt. Heute, wo das österreichische Kaisertum der Geschichte angehört und dadurch eine nicht allzu weit zurückliegende Zeit bereits der politischen Betrach­tung entrückt und dem objektiven Verfahren der Wissenschaft unterwor­fen ist, kann die Frage, wie sich das Verhältnis des einstigen Thronerben zur tschechischen Nation gestaltete, völlig unbefangen erörtert werden. Im österreichischen Herrscherhause, das sich im 19. Jahrhundert fast aus­schließlich der deutschen Umgangssprache bediente — nur wenige Mit­glieder des Hauses sprachen in der Familie italienisch oder ungarisch — konnte ein Nationalgefühl im strengen Sinne des Wortes nicht vorhanden sein oder es konnte wenigstens nicht einbekannt werden. Vor allem war dieser Begriff unvereinbar mit der Auffassung gewesen, welche Kaiser Franz Joseph von der Erhabenheit der Krone hatte, einer Auffassung, nach welcher die monarchische Gewalt über allen nationalen, politischen und sozialen Gegensätzen stand 2). Die „Begünstigung“ einer oder der anderen Nation entsprang denn auch nicht den persönlichen Gefühlen des Kaisers, sondern Erwägungen, die den jeweiligen Erfordernissen der Situation ge­recht werden wollten. Nur in seltenen Ausnahmefällen waren, wie es scheint, die Entschließungen des Monarchen auch von Gefühlsmomenten beeinflußt, wie etwa 1867, wo nach Andrássys Andeutungen die ungari­schen Neigungen der Kaiserin Elisabeth eine gewisse Rolle spielten. Dies vorausgeschickt, überrascht uns das große Interesse nicht, das Franz Joseph daran nahm, daß der Thronerbe mit der Sprache und dem Wesen seiner Untertanen tschechischer Nationalität sich völlig vertraut machen mußte. Es war dies nicht nur eine Forderung der Opportunität, sondern auch — was oft übersehen wird — eine feste Überlieferung des Herrscher­Übersetzungen tschechischer Buchtitel werden kursiv gesetzt. Mitis kenn­zeichnete seine Anmerkungen nur mit Kreuzen, während die tschechische Fas­sung (— tsch. F.) eine durchlaufede Numerierung aufweist. Die Schreibung von ß bzw. ss wurde normalisiert. !) Einen sehr wertvollen Beitrag zur Biographie Rudolfs bedeutet die Pu­blikation von Dr. Julius Szeps „Kronprinz Rudolf. Politische Briefe an einen Freund, 1882—1899“, Rikola Verlag 1922. — Der Verfasser des nachstehenden Artikels hat das ihm zugängliche Material zur Grundlage einer Studie genom­men, die demnächst unter dem Titel „Aus den Tagen des Kronprinzen Rudolf. Briefe und Schriften zur Geschichte seines Lebens und seiner Zeit“ erscheinen soll. 2) Vergl. Oswald Redlich in: Neue österreichische Biographie I. Bd. (1923) S. 16 — Viktor Bibi, Der Zerfall Österreichs, II. Bd. (1924) S. 344. — Tsch. F. zusätzlich: Heinrich Friedjung, Histor. Aufsätze (1919), 511.

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