Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 275 das deutschsprachige Originalmanuskript und ein Text (wahrscheinlich ein Umbruchexemplar) der tschechischen Fassung. Dies läßt die Vermu­tung zu, daß der damalige tschechoslowakische Gesandte in Österreich, Dr. Kamil Krofta 4), als Teilnehmer jenes Kurses am Institut für öster­reichische Geschichtsforschung, der auf den Mitis’ folgte, in kollegialer Verbundenheit nicht nur die Übersetzung durchführte, sondern auch als akkreditierter Diplomat die Unterbringung in der Zahranicní politika veranlaßte. Überdies erschien in der vom gleichen Ministerium subventio­nierten Gazette de Prague am 20. Mai 1925 eine ebenso ausführliche wie positive Rezension5). Beim Abgang vom Wiener Gesandtschaftsposten wurde Krofta eine (auch von Mitis Unterzeichnete) Abschiedsadresse samt Plakette überreicht6). Ob Mitis das Tschechische soweit beherrschte, daß er die zahlreichen Zitate ohne fremde Hilfe benützen konnte, ist nicht mehr feststellbar. Die Beurteilung des Wandels im politischen Denken des Kronprinzen während der Prager Jahre in dieser Studie Mitis’ und der notwendiger­weise knapperen Fassung des entsprechenden Kapitels der Biographie („Dienstzeit in Prag“)7) ist unverändert. Dennoch scheint es angebracht, auf einige Detailaspekte zu dem gerade im Titel betonten Hauptproblem, nämlich dem Verhältnis des Kronprinzen zur tschechischen Nation (národ) — nicht zum Volk (lid) —, hinzuweisen. Dies auch deshalb, weil sich Brigitte Hamann in ihrer 1978 erschienenen Biographie 8) gleichfalls sehr gründlich mit dieser Frage auseinandersetzt und in nuce zu der glei­chen Auffassung wie Mitis kommt. Die immense Bedeutung der Sprache für das Wiederfinden und das dar­4) Kamil Krofta, geb. 7. Juli 1876 in Pilsen (Plzen), gest. 16. August 1945 in Vrází bei Pisek, tschechischer Historiker und Diplomat, Mitglied des Insti­tuts für österreichische Geschichtsforschung, 1901—1918 Beamter des Landes­archivs des Königreiches Böhmen (Zemsky archív království Őeského), seit 1911 Professor für österreichische Geschichte an der tschechischen Universität in Prag, ab 1918 ebenda Professor für böhmische Geschichte mit besonderem Bezug zur Slowakei. Seit 1920 im tschechoslowakischen diplomatischen Dienst als bev. Minister und a. o. Gesandter zuerst beim Vatikan, dann 1921—1925 in Wien, 1925—1927 in Berlin, dann Präsidialchef im Außenministerium und 1936— 1938 Außenminister. Während der Okkupation eingekerkert. Vgl. Masaryküv slovnik naucny [Masaryk-Lexikon] 4 (Praha 1929); Pfirucni slovnik naucny Csl. akad. véd [Handlexikon der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaf­ten] 2 (Praha 1963); Kdy zemréli ...? Pfehled ceskych spisovatelú a publicistü zemrelych od 1.1.1937 do 31.12.1962 [Wann sind sie gestorben ...? Übersicht tschechischer Schriftsteller und Publizisten, die vom 1.1.1937 bis zum 31.12. 1962 gestorben sind] (Praha 1962) 138 f. s) Unter dem Titel L’archiduc Rodolphe et la nation Tchéque. ®) Mayr Mitis 472. 7) Mitis Leben 50—58. 8) Brigitte Hamann Rudolf, Kronprinz und Rebell (Wien—München 1978) 5. Kapitel: „Residenz in Prag“, 135—174. 18*

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