Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

276 Walter Hummelberger aus resultierende Erstarken der nationalen Identität der Tschechen wird von Christian Villars 9) prägnant formuliert: „Die tschechischen Bestrebungen zeitigten im Bereich der Sprache beachtens­werte Erfolge, als die im Zuge der Entwicklung zur angestrebten Gleichbe­rechtigung von Wien gewährten Konzessionen dem tschechischen Idiom wieder höhere Schulen öffneten. Schritt für Schritt konnten Stellungen in der Landes­und Staatsverwaltung bezogen werden“. Mitis war sich dieser Bewertung wohl bewußt und behandelte daher den Sprachunterricht des Kronprinzen durch seine beiden ausgezeichneten Lehrer, Dr. Anton Gindely und Dr. Hermenegild Jirecek, ausführlich 10 11). Noch 1915, zwanzig Jahre nach dem Tod Gindelys, hat sich Krofta in einer 250 Seiten umfassenden Biographie u) mit dessen Werk und seinem bis dahin „umstrittenen Tschechentum“ befaßt. Im Schlußwort betonte er, daß ,die wissenschaftliche Bedeutung Gindelys bisher deshalb nicht hin­reichend gewürdigt wurde, da er eine Erscheinung war, die weder der einen noch der anderen Seite voll und ganz zugehörte, so daß er weder bei den Tschechen noch bei den Deutschen besonderes Interesse erweckte“. Weiters finden sich dort einige bemerkenswerte Einzelheiten über den Unterricht und das Verhalten Rudolfs seinen Lehrern gegenüber, die Mitis für seine Studie nicht benützt hat12). Krofta betonte, daß Gindely als Universitätsprofessor wohl viele Hörer, aber nur wenige „Schüler“ hatte, die sich zu ihm bekannten und später als Historiker einen Ruf genossen; eigentlich wisse er nur von Heinrich Friedjung 13), dem .bekannten öster­reichischen Journalisten und Historiker“. Dagegen hatte Gindely .außerhalb der Universität einen Schüler, der eine be­sondere Erwähnung notwendig macht. Es war das der damalige österreichische Kronprinz Erzherzog Rudolf, zu dessen Unterricht Gindely 1873 nach Wien berufen wurde. Dieser brachte deshalb beim Landesausschuß (Gindely war 1862 zum kgl. böhmischen Landesarchivar ernannt worden) ein Urlaubsansu­chen für die Zeit des Unterrichts von der zweiten Augusthälfte 1873 bis Ende Mai 1874 ein, mit der Begründung, den Aufenthalt in Wien zugleich zu Archiv­studien besonders im Haus-, Hof- und Staatsarchiv nützen zu wollen. Dreimal wöchentlich sollte Gindely den Kronprinzen in tschechischer Geschichte unter­richten, die der bisher vorgetragenen ungarischen folgen sollte. Zu Beginn dozierte er deutsch, aber alsbald bediente er sich, dem Wunsch des Kaisers 9) Christian Villars (d. i. Oswald Frh. von Kostrba-Skalicky) Die böhmi­sche Zitadelle (Wien—München 1965) 175. 10) Mitis Leben 9—20, bes. 13 ff. 11) Kamil Krofta Antonín Gindely in Zprávy zemského archivu ceského [Mitteilungen des böhmischen Landesarchivs] 4 (Praha 1915) 147—396; dazu auch Mitis Leben 405 (hier irrtümlich als „ausgezeichnete Biographie über Jirecek“ angeführt); Hamann Rudolf 65 ff, 147 f. 12) Krofta Gindely 142 ff. 13) Ebenda 142 Anm. 8. Heinrich Friedjung, geb. 18. Jänner 1851 in Roschtin (Rostin, Mähren), gest. 14. Juli 1921 in Wien, österreichischer Historiker und Publizist, studierte in Prag, Berlin und Wien, Mitglied des Instituts für öster­reichische Geschichtsforschung und der Akademie der Wissenschaften; vgl. österreichisches biographisches Lexikon 1 (Wien 1957) 362 f.

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