Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535

46 Heinz Duchhardt der Tradition des Enchiridion von 1533 stehen, mit dem Eck u. a. den Kaiser zu einem umfassenden Glaubenskrieg gegen die Türken ermuntert hatte41). Vor allem die zweite Ecksche Predigt, die den Tuniszug in die Reihe der bisherigen „Kreuzzüge“ europäischer Fürsten einzuordnen versucht, thematisiert und variiert das Kaisermotiv nämlich sehr nachdrücklich: Die bisherigen Expedi­tionen vor allem der Römischen Kaiser in das Heilige Land und gegen die Sarazenen seien aus verschiedenen Gründen nicht sehr erfolgreich gewesen. Da die Kaiser seit dem 13. Jahrhundert das Kreuz Christi nicht mehr ergriffen hätten, sei seit dieser Zeit der Gedanke an einen Zug gegen die Ungläubigen erloschen. Karl V. aber habe sich angesichts der Etablierung Hayreddin Bar­barossas im westlichen Mittelmeer und der damit verbundenen Gefährdung der ganzen Christenheit entschlossen, gegen die Ungläubigen vorzugehen und einen Sieg zu erringen, der der Christenheit zum Trost gereiche und das Wort Gottes in einer so lange christlichen Region, die geradezu ein christliches Kemgebiet sei, wieder Fuß fassen lasse. Das ganze Unternehmen habe gedient „zue hayl, schirm, schutzung, wolfart und libertet der gantzen gemaynen christenhait“. Für Eck steht Karl V. in der vorbildlichen Tradition seiner kaiserlichen Vorgänger, die im Kampf gegen die Ungläubigen eine der hervor­ragendsten kaiserlichen Aufgaben gesehen hatten. Die Terminologie Ecks, die unter anderem den defensiven Charakter des Tunisunternehmens assoziieren soll, hätte sicher auch den Beifall des Kaisers gefunden, der ebenfalls mehr als einmal unterstrichen hat, Tunis habe nur der Verteidigung der Christenheit gedient. Aber das war eine „Verteidigung“, die nur dem Kaiser als dem advocatus ecclesiae zustand, die seine „reputáción“ erforderte und die sich qualitativ stark unterschied etwa von der Abwehr der Türken 1532, die Karl primär als eine Aufgabe seines Bruders ansah, dem er zwar zu Hilfe kommen42), aber den er wohl nicht aus der Leitung eines solchen wirklich defensiven Unternehmens verdrängen wollte. Als die Türken sich knapp vor Wien wieder zurückzogen, erklärte er ausdrücklich, es sei weder „chose convenable ny de reputáción a moy, quii fust persiste, que je suiuisse ceste emprinse en personne“43). Der Tunisfeldzug war im Vergleich damit, unbeschadet der Betonung seines Defensivcharakters, etwas völlig anderes: Hier agierte das Haupt der Christenheit, zwang dem Gegner das Gesetz des Handelns auf - das bloße Reagieren war nicht die Sache des Kaisers! Instinktiv oder reflektiert empfunden haben mag das drei Jahre vorher 1529 auch schon die niederländische Statthalterin Margarethe, als sie ihrem Bruder einen gro­Übereinstimmungen aufwiesen, etwa die Ablehnung der Ehelosigkeit der Priester oder der Fastenzeiten. Beide Predigten wurden gemeinsam publiziert: Bayerische Staatsbi­bliothek München Hom 488; vgl. Göllner Turcica 1 n. 573, 277. 41) Johannes Eck Enchiridion. Handbüchlin gemainer stell und Artickel der jetzt schwebenden Neuwen leeren, Faksimile-Druck der Ausgabe Augsburg 1533, hg. von Erwin Iserloh (Münster/W. 1980); vgl. bes, 66. 42) Karl V. an Maria, 1532 August 13: Lanz Correspondenz 2 3f. 43) Karl V. an Adrian von Croy, 1532 September 10: ebenda 9f.

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