Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535
Das Tunisunternehmen Karls V. 1535 45 um die Mitte des 14. Jahrhunderts einen König der Franken erhoffte, der Sarazenen, Türken und Tataren Zurückschlagen und sich das ganze Abend- und Morgenland unterwerfen werde, dann sollte dieser König vorher aber vom Papst zum Kaiseramt berufen werden36). Uber diese beiden französischen Stimmen hinaus, die gewissermaßen indirekt die besondere Verpflichtung des Römischen Kaisers zum Kreuzzug bestätigen, wäre hier natürlich noch das ganze Spektrum der eigentlichen, von den Legisten und Kanonisten getragenen spätmittelalterlichen Kaisertheorie anzusprechen, wären Glossatoren wie Bal- dus, Bartolus oder Hostiensis zu nennen, die sich zwar z. B. über einen „Weltherrschaftsanspruch“ des Kaisers gegenüber den europäischen Nationalstaaten längst nicht mehr einigen konnten37), aber völlig darin übereinstimmten, daß es zu den originären Aufgaben des Kaisers gehöre, das Christentum weiter auszubreiten und die ganze Christenheit gegen äußere Feinde zu schützen. Wie sehr diese Vorstellung auch an der Wende vom „Mittelalter“ zur „Neuzeit“ noch politisches Allgemeingut war, mag man aus der Rede ersehen, die der bedeutende Humanist Giovanni Antonio Campano auf dem Regensburger Reichstag 1471 hielt und in der er Kaiser Friedrich III. zur Durchführung eines abendländischen Kreuzzugs zu bewegen suchte: Es sei Teil des kaiserlichen Amtes, persönlich gemäß seiner politisch-ideologischen Stellung eine solche Unternehmung zu leiten38). Publizistik macht und beeinflußt im allgemeinen zwar nicht die große Politik, aber sie spiegelt verbreitete Mentalitäten, geistige Haltungen oder auch Antihaltungen wider, und unter diesem Aspekt lohnt es, auch einen kurzen Blick auf die speziellen den Tuniszug begleitenden Flugschriften zu werfen39) und zu fragen, ob sich dieses angesprochene Motiv — der Kreuzzug als kaiserliches „officium“ - auch dort nachweisen läßt. Ich will hier nur beispielshalber die zwei Predigten Umb den grossen sig kaiserlicher Maiestat in Thunis verlihen Gott zu dancken von Johannes Eck herausgreifen, die von Göllner zu Unrecht als „wenig bedeutend“ abqualifiziert worden sind40), Predigten, die deutlich in 36) Kampers Die deutsche Kaiseridee 118. 37) Vgl. z. B. Gaston Zeller Les Rois de France candidats ä l’Empire in dsbe Aspects de la politique franpaise sous I’Anden Régime (Paris 1964) 12-89, hier 43. 38) Vgl. Friedrich Hermann Schubert Die deutschen Reichstage in der Staatslehre der frühen Neuzeit (Göttingen 1966) 115. 39) Carl Göllner Turcica 3 Bde (Bucuresti - Baden-Baden bzw. Bucuresti - Berlin 1961-1978). ,0) Diese „Predigten“ - von denen es freilich höchst unsicher ist, ob sie jemals wirklich als Predigten gehalten wurden - sind vor allem wegen ihrer historischen Parallelen überaus interessant, auf die im ersten Teil in überraschender und rhetorisch geschickter und wirksamer Weise aufmerksam gemacht wird: So, wie einst das christliche Nordafrika infolge aufbrechender dogmatischer Differenzen und des Gegeneinanders sektiererischer und häretischer Strömungen ein leichtes Opfer der ungläubigen Sarazenen geworden sei, so drohe nunmehr ein ähnliches Schicksal auch dem Reich, das durch die lutherische Sekte politisch geschwächt werde, und dies um so mehr, als die seinerzeitigen spätantiken und die jetzigen häretischen Lehren eine ganze Reihe von