Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535

44 Heinz Duchhardt Heilige Grab erobern und dann die Herrschaft an Christus bzw. den Antichrist abgeben werde29). Diese Erwartungen waren — nicht zufällig, wenn man den spektakulären, übrigens ganz und gar „papstfreien“ Kreuzzug des letzten staufischen Kaisers nach Jerusalem bedenkt30) — zu einem erheblichen Teil mit dem Namen „Friedrich“ verknüpft gewesen; für unseren Zusammenhang ist aber bemerkenswerter, daß im Rahmen dieser Weissagungen und eschatologi- schen Bewegungen seit dem 13. Jahrhundert auch der Karlskult einen deutli­chen Aufschwung nahm, und zwar auf der Grundlage des Bildes Karls des Großen als Heidenkämpfer und „Held“ einer Legende, die ihm eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zuschrieb31). Dieser „mystische Charakter“ des Namens Karl ist etwa Kaiser Karl IV. noch voll bewußt gewesen32), - zu seinen Lebzeiten hat beispielsweise auch ein italienischer Eremit namens Telephorus die Reforma­tion und die Wiedereroberung des Heiligen Landes von einem zukünftigen Engelspapst und einem aus Frankreich stammenden Karl erwartet33), später werden ähnliche sibyllinische Weissagungen auf Karl VIII. von Frankreich bezogen34), und es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß auch Karl V. von dieser spezifischen europäischen Literaturgattung gewußt hat, um so mehr, als bei seinem Regierungsantritt im Reich eine ganze Reihe von einschlägigen Weissagungen neu aufgelegt worden war35). So wenig diese Literatur auch direkt politisch virulent geworden sein mag, so ist sie doch ein Indiz dafür, daß der breitesten Öffentlichkeit bis in die beginnende Neuzeit hinein die Assoziation „Kaisertum - Türkenkreuzzug“ absolut geläufig war, d. h. primär vom Kaiser die Zurückdrängung, wenn nicht sogar die Vernichtung des Islam erwartet wurde. Selbst wenn um 1300 - eine eigentliche Theorie formierte sich auch hier bezeichnenderweise erst, als das historische Phänomen an sich durch die geschichtliche Entwicklung als eher schon wieder überholt gelten mußte - ein Mann wie Pierre Dubois den franzö­sischen König an die Spitze eines neuen Kreuzzuges stellen wollte, geschah das ausdrücklich unter der Prämisse, daß er vorher zum Römischen Kaiser gewählt werden würde; selbst wenn der französische Joachimit Johannes de Rupescissa 2 2S) Dazu das Werk von Franz Kampers Die deutsche Kaiseridee in Prophetie und Sage (München 1896). 30) Zur staufischen „Endkaiseridee“ nach dem Kreuzzug vgl. Hans Martin Schaller Das Relief an der Kanzel der Kathedrale von Bitonto: ein Denkmal der Kaiseridee Friedrichs II. in Archiv für Kulturgeschichte 45 (1963) 295-312. 31) Kampers Die deutsche Kaiseridee 56f sowie Erdmann Die Entstehung 276ff. 32) Kampers Die deutsche Kaiseridee 121. 3S) Ebenda 125f. 34) Ebenda 133. 35) Ebenda 144f. — Interessant ist z. B. auch, daß 1537, also nach dem (erfolgreichen) Tunisunternehmen, ein Flugblatt gedruckt wurde, das einen gemeinsamen Zug eines erwarteten neuen Friedrich mit Karl V. gegen Konstantinopel und für die Befreiung des Heiligen Landes vorhersagte, dem dann das Goldene Zeitalter folgen werde: ebenda 143f. Vgl. allgemein Hans-Joachim König Monarchia mundi und Res publica Christiana. Die Bedeutung des mittelalterlichen Imperium Romanum für die politische Ideenwelt Kaiser Karls V. und seiner Zeit (phil. Diss. Hamburg 1969).

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