Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535
Das Tunisuntemehmen Karls V. 1535 43 den großen Desiderata der internationalen Mediävistik25); mir scheint aber, daß qualitativ auf einen „Kreuzzug“ vor allem drei Elemente zutreffen müssen: Er muß erstens unter der ideologischen oder faktischen Leitung eines der beiden Häupter der christianitas stehen, zweitens einen deutlich übernationalen, internationalen Charakter haben und sich drittens gegen Ungläubige richten und vornehmlich der Wiedereroberung des Heiligen Landes dienen. Ad 1: Karl V. hat spätestens seit der Cifuentes-Instruktion vom frühen Dezember 153426) keinen Zweifel daran gelassen, daß er das Unternehmen gegen Hayreddin Barbarossa persönlich leiten werde; in einem Brief an Canete hat er im Mai 1535 - im Zusammenhang mit der Bewertung der bevorstehenden Expedition „al servicio de Diós Nuestro Senor, y a la defensión y beneficio común de la república cristiana y particularmente de nuestros reinos“ — seine persönliche Teilnahme ausdrücklich mit „nuestra reputáción“ in Verbindung gebracht27). „Nuestra reputáción“ verweist auf eine Pflicht, die aus einem Amt resultiert, und vom ganzen Kontext her mußte damit insbesondere oder zumindest auch die dem Kaiseramt eigentümliche Pflicht zum Schutz der christianitas gemeint sein. Carl Erdmann hat das Neben- und Ineinander der verschiedenen Stränge des Kreuzzugsgedankens bis ins ausgehende 11. Jahrhundert dargestellt und dabei, obschon eher noch am Rande, auch auf dessen allmähliche Neuorientierung auf die Person des Kaisers hin aufmerksam gemacht28), woran dann sowohl die Kaisereschatologie als auch die Kaisertheorie fast nahtlos anknüpfen konnten. Uber den politischen Prozeß, in dessen Rahmen seit Friedrich Barbarossa die Römischen Kaiser Heinrich VI. und Friedrich II. den politischen Nutzen entdeckten und die Notwendigkeit erkannten, sich - gerade als Gegengewicht gegen das Papsttum, das ja seit Innozenz III. den Kreuzzug ganz für die Kurie zu okkupieren suchte - an die Spitze von Kreuzzugsbewegungen zu setzen, soll denn auch hier nicht weiter gesprochen werden. Was die Eschatologie und die Prophetie betrifft, so ist das ganze Spätmittelalter in einem atemberaubenden Maß von der Hoffnung auf einen Endkaiser geprägt, der Staat und Kirche „reformieren“, soziale Mißstände beseitigen, die Christenheit in einem letzten großen Kreuzzug befreien, den Islam vernichten, das 25) Die Spannweite mögen die (sehr allgemeinen bzw. eher engen) Definitionsversuche von Claude Cahen - ein Krieg zur Verteidigung oder Befreiung von Glaubensgenossen - und Hans Eberhard Mayer andeuten: „ein Krieg, der vom Papst ausgeschrieben wird, in dem das Gelübde verlangt, der Ablaß und die weltlichen Privilegien bewilligt werden, und der . . . auf die Erlangung oder Erhaltung eines ganz bestimmten, geographisch fest umrissenen Zieles gerichtet ist: auf die christliche Herrschaft über das Grab des Herrn in Jerusalem“: Hans Eberhard Mayer Geschichte der Kreuzzüge (Stuttgart 1965) 263, 283 Anm. 109 (Definition Cahen). 28) Sandoval Historia 483-487. 27) Ebenda 490. 28) Carl Erdmann Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens (Stuttgart 1935, Neudruck Darmstadt 1965).