Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535

42 Heinz Duchhardt um „la défense des chrétiens“, um „le bien de la chrétienté“. Wenn er schließ­lich nach dem Fall von Tunis dem modenesischen Gesandten gegenüber beton­te, daß schon allein die Befreiung der Christensklaven aller Herren Länder — sollte sie das einzige Ergebnis des Unternehmens gewesen sein - ein vor Gott und der Christenheit würdiges Werk wäre21), dann weist dies ganz in die Richtung, den Kreuzzugscharakter des Tuniszuges zu pointieren. Es kann deshalb nicht überraschen, daß vor dem Hintergrund dieser Einschätzung Karls V. auch seine publizistischen Hilfstruppen das Tunisunternehmen dezi­diert als „Kreuzzug“ behandelten und „verkauften“22) und z. B. 1535 eine offiziöse Flugschrift zum tunesischen Feldzug erscheinen ließen, deren Titel­blattholzschnitt den Gekreuzigten mit der Legende „Der Kayserlichen und Christlichen Armata Obrister Hauptmann“ zeigte23). Wie sehr Karl V. daran lag, gerade diesen Akzent seiner Gesamtpolitik zu betonen, kann indirekt auch daraus erschlossen werden, daß Philipp II, bei den sehr deutlich in einen „Herrschertriumph“ umgebogenen Brüsseler Exequien für seinen Vater dessen „Kreuzzüge“ und Siege gegen die Türken überproportional stark gewichtete und den toten Kaiser - natürlich in erster Linie im Blick auf Tunis — zum christlichen Triumphator im Kreuzzug erhöhte: Bei den Siegesbildem auf einem allegorischen Schiff, das ikonographisch nur im Sinn der Ausbreitung des christlichen Glaubens über geographische Grenzen hinaus interpretiert werden kann, wird neben Süleyman nur der Name Hayreddin Barbarossa ausdrücklich genannt24). Aber, so wird man entgegenhalten, „paßt“ ein „Kreuzzug“ im 2. Drittel des 16. Jahrhunderts noch in die politische Landschaft, entspricht Karls V. Unter­nehmen denn überhaupt formal den Kriterien, die an die hoch- und spätmittel­alterlichen „Kreuzzüge“ angelegt werden? Eine präzise und allgemein anerkannte Definition des „Kreuzzuges“ zählt zu 21) Zit. bei Gabriel Médina L’expédition de Charles-Quint ä Tunis. La legende et la vérité in Revue Tunisienne 13 (1906) 185-194, 301—307, hier 305. — Die Befreiung dieser christlichen Sklaven hat übrigens nicht nur in der zeitgenössischen Korrespondenz und Publizistik, sondern auch in der Literatur eine gewisse Bedeutung erlangt; der Belgier Gachet Expédition 7 z. B. hat 1844 (!) Karl V. sogar als Vorkämpfer der Sklavenbefrei­ung gefeiert. 22) Z. B. läßt Antoine Perrenin in seinem umfangreichen Bericht „Expedition de l’empereur contre Barberousse et Thunes“ (gedruckt bei Karl Lanz Staatspapiere zur Geschichte des Kaisers Karl V. [Stuttgart 1845] 535-581) keine Gelegenheit aus, den Kreuzzugscharakter des Unternehmens zu unterstreichen, so etwa 524: „la dicte maieste imperiale que tousiour a sur toutes choses desire et tache le bien, repos, tranquillite, deffence et sceurte de la dicte chrestiennete . . 525: die „saincte emprinse“ ist eine „chose concernante le service de dieu et defension de la foy et de la chrestiennete“ usw. Zur Person des Verfassers vgl. Castan La conquéte 273f, sowie bes. Voigt Die Ge­schichtsschreibung 169 ff. 23) Vgl. Franz Matsche Die Kunst im Dienst der Staatsidee Kaiser Karls VI. (Berlin- New York 1981) 130. 24) Achim Aurnhammer und Friedrich Däuble Die Exequien für Karl V. in Augs­burg, Brüssel und Bologna in Archiv für Kulturgeschichte 62/63 (1980/81) 101-157, hier 125 ff.

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