Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
SUTTER, Berthold: Machtteilung als Bürgschaft des Friedens. Eine Denkschrift des Botschafters Heinrich von Calice 1896 zur Abgrenzung der Interessensphären zwischen Rußland und Österreich-Ungarn am Balkan
Machtteilung als Bürgschaft des Friedens 323 ANHANG 1 Privatschreiben des Freiherrn Heinrich von Calice an Aloys Freiherm Lexa von Aehrenthal vom 15. März 1900. Original, eigenhändig: HHStA Nachlaß Aehrenthal 1. Verehrtester Baron! Ich schäme mich, daß es einer hochwohlgeborenen Mahnung bedurft hat, damit ich meiner Dankesschuld und meiner gern übernommenen Verpflichtung nachkomme. Die Ursache meiner langen Zögerung war nicht blos der leidige Umstand, daß man hier mit den unmittelbaren amtlichen Obliegenheiten fortwährend in Athem gehalten wird, sondern auch, daß ich bei der Wider[vor]legung meines eigenen Mémoires dasselbe so veraltert und pas de raison fand, um es Ihnen heute noch zuzuschicken, ganz abgesehen von einer gewissen Scheu, durch die Veranlassung einer Abschrift in meiner Kanzlei ein gewisses Aufsehen zu erregen. Ihr Wunsch hat indessen meine Zögerung überwunden. Sie finden hier, nebst dem mit größtem Danke rückfolgenden und mir höchst interessanten Communicat, die Abschrift meiner eigenen, von 30. April 1896 datirten, also bereits vier Jahre alten Arbeit. Weder die Welt, noch die Politik noch unsere Stellung auf dem Weltschachbrette standen seitdem stille. Vielleicht war mein Gedanke nie praktisch, heute ist er es weniger als je! Dagegen habe ich Ihre Ideen mit dem höchsten Interesse kennen gelernt und ich bewundere die Sicherheit Ihrer Bewegungen auf so vielen und verschiedenartigen Gebieten. Ich gestehe, daß das Gebiet der inneren Politik für mich selbst ein Noli me tangere bildet und besonders stehe ich jeder nationalen Parthei gleich fern, ja ich halte dafür, daß es für die Krone stets eine große Gefahr bilden wird, unserem politischen Gemeinwesen irgend eine nationale Grundlage geben zu wollen. In dieser Beziehung halte ich es einigermassen mit dem Grafen Kalnoky, wenn ich einen seiner gelegentlichen Aussprüche nicht mißverstanden habe. Er sagte nämlich ein Mal, Oesterreich war immer mehr eine Macht als ein Staat, und dies habe ich dahin verstanden, daß es bei uns mehr auf eine politische Bethäthigung einer führenden Kraft nach innen und nach außen ankommt, welche sich den jeweiligen Verhältnissen accomodirt, als auf feste Formen, welche unsere in einem fortlaufenden Werdeprozeß naturgemäß begriffenen Verhältnisse nun einmal nicht vertragen. Ohne auf diese These des Näheren einzugehen, möchte ich hier noch hervorheben, daß der vorwiegende Gesichtspunkt bei der inneren und äußeren Regierung der Monarchie die Bethätigung derselben als Macht sein muß. Einem solchen geschichtlichen Oesterreich gehören alle meine Kräfte und Gefühle, aber ich sage es offen, ich kann keinerlei Neigung in mir entdecken, ein Deutscher oder Slave 2ter Classe zu werden; dagegen möchte ich, daß die Monarchie zwischen Deutschland und Rußland eine geehrte und geachtete, unabhängige Stellung einnehmen könne, und gelingt es ihr, diesen archimedischen Punkt zu finden, so werden sich auch die einander widerstrebenden und bekämpfenden Nationalitäten und Partheien im ehrwürdigen Zeichen von Oesterreich wider finden. Dieser Gedanke hat mir immer vorgeschwebt und ist im Grunde auch jener meiner vor vier Jahren gemachten Arbeit - deren thatsächliche Voraussetzungen aber seither sich wesentlich geändert haben. Unsere Atouts sind vielleicht nicht mehr vollzählig vorhan(London 1972); Wilhelm Mauritz Carlgren Die Renaissance des Dreikaiserbundes. Ein großpolitischer Plan Aehrenthals im Jahre 1906 (Historiskt Arhiv 2, Stockholm 1954). Noch immer lesenswert die 1909 und 1913 veröffentlichten Aufsätze von Heinrich Friedjung Österreich-Ungarn und Rußland 1908 in Historische Aufsätze (Stuttgart - Berlin 1919) 176-188 und Die Zusammenkunft Aehrenthals und Iswolskijs 1908 ebenda 189-197; Hans Rothfels Studien zur Annexionskrise von 1908/09 in HZ 147 (1933) 320-348. 21