Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

SUTTER, Berthold: Machtteilung als Bürgschaft des Friedens. Eine Denkschrift des Botschafters Heinrich von Calice 1896 zur Abgrenzung der Interessensphären zwischen Rußland und Österreich-Ungarn am Balkan

322 Berthold Sutter der ungarischen Reichshälfte betriebenen Sturz des Grafen Goluchowski49) zum gemeinsamen Minister des Äußeren ernannt wurde, erlangte es, wenn auch nur indirekt, historische Bedeutung. Calice wollte - daß er bei seinen Überlegungen sowohl die innenpolitische Situation der Monarchie als auch die auf der Balkanhalbinsel erwachten und mächtig sich entfaltenden nationalen Kräfte gänzlich ausklammerte, steht auf einem anderen Blatt - durch Kompen­sation und einen enorm hohen, an Rußland zu zahlenden Preis, der für ihn Konstantinopel hieß, die Großmachtstellung Österreich-Ungarns auf der Bal­kanhalbinsel und damit den europäischen Frieden als solchen sichern. Von dieser Position her ist das Eingehen Aehrenthals auf den im September 1907 unterbreiteten Vorschlag Iswolskys, sich über die Meerengen und die Annexion der Okkupationsgebiete im „Geiste gegenseitiger Freundschaft zu unterhal­ten“, das Gespräch in Buchlau, aber auch jene schwere Krise zwischen Öster­reich-Ungarn und Rußland zu beurteilen, die durch die ohne gleichzeitig erfolgte Befriedigung des russischen Anspruches auf Öffnung der Dardanellen durchgeführte Annexion von Bosnien und der Herzegowina ausgelöst wurde“), an deren Folgen sich der Erste Weltkrieg entzündete. So trat letztlich genau die politische Konstellation ein, der Freiherr von Calice hatte Vorbeugen wollen. 49) Vgl. dazu T. M. Islamow Aus der Geschichte der Beziehungen zwischen Öster­reich und Ungarn am Anfang des 20. Jahrhunderts in Österreich-Ungarn in der Weltpoli­tik 1900 bis 1918 (Berlin 1965) 111-147, hier 113 mit Anm. 1. Der Verfasser hat neben einigen ungarischen Quellen auch das „Archiv der Außenpolitik Rußlands“, Moskau benützt. - Zum Sturz Goluchowskis illustrativ Alexander Musulin [von Gomirje] Das Haus am Ballplatz. Erinnerungen eines österreichisch-ungarischen Diplomaten (Mün­chen 1924) 153-159. Hier auch eine Charakterisierung der Politik Goluchowskis und Aehrenthals. Obwohl hinsichtlich der Daten nicht immer verläßlich, ist die Darstellung aufschlußreich. Freiherr von Musulin war von 1903 bis 1910 dem Orientalischen Referat des Außenministeriums zugeteilt, im Jänner 1917 ging er als Botschafter nach Bern. - Robert A. Kann Goluchowski, Agenor Maria Adam Graf v. in NDB 6 (1964) 638; Hans Huebmer Österreich-Ungams Balkanpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Deutschlands Polenpolitik vor dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Beiträge zur Kriegsschuldfrage (Schrif­tenreihe der Vereinigung Vorarlberger Akademiker 6, Bregenz 1964) 18: „Zum Unter­schied von seinem Vorgänger Graf Goluchowski war Aehrenthal eine dynamische Natur . . .“. Ähnlich das Urteil bei Johann Christoph Allmayer-Beck Zur Außenpoli­tik und Militäraktionen der franzisko-josephinischen Zeit in Österreich unter Kaiser Franz Joseph I. Historische Sonderausstellung im Schloß Pottenbrunn (2., verb. u. erw. Aufl. St. Pölten 1979) 62-72, hier 71: „Die Fäden der Außenpolitik wurden damit immer unübersichtlicher und Graf Goluchowski, der seit 1895 k. u. k. Außenminister war, war auch nicht der Mann, der sich bemüht hätte, sie sehr zu straffen“. Eine der Außenpolitik Goluchowskis gerecht werdende Monographie steht noch aus. Günstig das Urteil über Goluchowski bei Lützow Im diplomatischen Dienst 89. Dieser berichtet, er habe „kurz vor Ausbruch des Weltkrieges einmal“ mit Gabriel Hanotaux - „Geschichtsschreiber, Akademiker und ehemaliger Minister des Äußern“ - gesprochen und dieser habe ihm wörtlich folgendes gesagt: „Vous attendrez longtemps avant d’avoir de nouveau un ministre de l’habilité et du doigté du comte Goluchowski“. “) Zu Buchlau Hugo Hant sch Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staats­mann 1 (Graz - Wien - Köln 1963) 120-179. Vgl. außerdem Francis Roy Bridge Izvolsky, Aehrenthal, and the end of the Austro-Russian entente, 1906-1908 in MÖStA 29 (1976) 315-362; dsbe Great Britain and Austria-Hungary 1906-1914, a diplomatic history

Next

/
Thumbnails
Contents