Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

468 Literaturberichte lagern hielt er angesichts des zunehmenden NS-Terrorismus für „eine polizeiliche Notwendigkeit“, war sich aber gleichzeitig darüber im kla­ren, daß sie mit den rechtsstaatlichen Prinzipien unvereinbar und eigent­lich eine „Kulturschande“ waren (S. 97). Neben der Beschreibung des zu­nehmenden Einflusses, den die Politik in der Ersten Republik auf die Ver­waltung nahm, liegt der Wert des vorliegenden Buches in der Charak­terisierung verschiedener Persönlichkeiten dieser Epoche (etwa des spä­teren Staatssekretärs für Landesverteidigung, GdI Wilhelm Zehner, den H. schon als Bataillonskommandanten in Braunau kannte). Von Interesse ist natürlich die ausführliche Darstellung der Ereignisse des Jahres 1934, wobei den Februar-Kämpfen breiter Raum gewidmet ist. Besonders wert­voll sind die Seiten über die Ereignisse in Linz selbst, die H. ja aus näch­ster Nähe miterlebte und mitbeeinflußte. Mit dem bei der Schilderung der Kämpfe um Steyr erwähnten „Oberstleutnant Schleyer“ (S. 113; der Herausgeber versucht eine Identifizierung mit Major Franz Somagyi; Anm. 121) ist übrigens mit ziemlicher Sicherheit Oberst Adolf Bleyer ge­meint, dessen Einsatz auch in der offiziellen Darstellung 3) bestätigt wird. Das Kraftfahrjäger-Bataillon Nr. 3 kam übrigens aus Stockerau (vgl. S. 109 Anm. 116). Am Anfang war der Mord ist ein faszinierendes Zeitdokument, dessen Wert allerdings etwas beeinträchtigt wird durch die unklare Entstehungs­zeit und von ihr beeinflußte Wertungen und Prophezeiungen ex eventu, — gelegentlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Autor wollte in erster Linie sein eigenes Verhalten rechtfertigen. Unter Berück­sichtigung dieser Umstände jedoch gewährt das vorliegende Werk beacht­liche Einblicke in die Geschehnisse um 1934 aus der Sicht eines poli­tisch engagierten, kritisch beobachtenden Verwaltungsbeamten und ist da­her eine erfreuliche Bereicherung unseres Wissens über diese „dunkle Zeit“. Der Herausgeber hat sich der dankenswerten und (wie wohl jeder Hi­storiker bestätigen kann) mühevollen Arbeit unterzogen, zu fast allen ge­nannten Personen Geburts- und Todesdaten zu ergänzen und in eini­gen Fällen auch kurze Angaben zur weiteren Karriere hinzuzufügen. Wün­schenswert wären auch weiterführende Literaturhinweise und Belege ge­wesen (so z. B. bei der nicht ganz zum Text passenden Anm. 50 über die Waffensuche im Starhembergschloß anläßlich des Pfrimer-Putsches 1931), — berührt H’s Werk doch viele lokale Vorkommnisse, deren Hin­tergrund kaum zum Allgemeinwissen der potentiellen Leser zählen dürfte. Erwin Schmidl (Wien) 3) Der Februar-Aufruhr 1934 (Wien 1935) 201. Diese Arbeit wurde ebenso wie die folgende Studie über die Juli-Revolte (Wien 1936) vom BMLV „nur für den Dienstgebrauch“ verfaßt und ist eine wesentliche Quelle für die damaligen Ereignisse.

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