Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 463 aufgenommen, der mir nicht entweder eine wissenswerte Tatsache zu ver­mitteln oder aber einen, sei’s auch geringfügigen, Beitrag zur Kennzeich­nung des Schreibers, des Empfängers oder des Zeitalters zu enthalten schien“ (S. 29). Fünfzig Jahre nach der Vollendung seiner Arbeit besteht aber keine Möglichkeit, die Vollziehung dieses sehr allgemein formulier­ten Leitsatzes durch einen Vergleich mit den Originalbriefen zu kontrol­lieren, sodaß die wichtige Frage, wie weit Gomperz’ Verbundenheit mit seiner Tante oder seine persönliche, soziale und intellektuelle Voreinge­nommenheit seine Kürzungen und Weglassungen beeinflußt haben, dahin­gestellt bleiben muß. Im Kontrast dazu sind die Prinzipien, die Kann bei seiner Neuherausgabe leiteten, klar und anstandslos ausgedrückt. Die Mahnung „caveat lector“ ist daher nicht fehl am Platz. Wenn auch zugegebenermaßen ein argumentum ex silentio in den meisten Fällen we­nig überzeugend wirkt, kann gerade bei einer vollständigen oder nach strengen Prinzipien edierten Briefsammlung das Schweigen sprechen. Das ist jedoch hier nicht der Fall. Man kann z. B. keine gültigen Schlüsse dar­aus ziehen, daß in den Briefen grundlegende politische Ereignisse ohne Analyse und oft sogar ohne Kommentar erwähnt werden; daß soziale Zustände und wirtschaftliche Entwicklungen völlig unberücksichtigt blei­ben; daß ein echter Ideenaustausch selten zustande kommt; daß der Gatte Josephine von Wertheimsteins eine Schattenfigur bleibt; und daß weder sie noch ihre Tochter Franziska, die mit ihr lebte und die ihr mehr Schwester als Kind war, Interesse für die praktischen Seiten des tägli­chen Lebens zeigen. Das mag alles von Bedeutung sein, — oder es hat Heinrich Gomperz einfach nicht interessiert! Weiterhin muß man bei der Beurteilung des Bandes einbeziehen, daß, abgesehen von zahlreichen Details von biographischem Interesse, vieles von dem, was in den Brie­fen zu lesen ist, der Wissenschaft im allgemeinen schon bekannt war. In einer wichtigen Hinsicht enttäuschen die Briefe der beiden Damen in eben dem Maß, als sie Interesse erregen: Sie deuten auf tiefe psy­chologische Wurzeln ofterwähnter körperlicher und seelischer Beschwer­den hin, ohne genügend Stoff für deren psychoanalytische Erklärung an­zubieten. Verläßt man aber den Standpunkt kritischer Beurteilung zu Gunsten einer einfachen Lektüre, entdeckt man in Josephine von Wertheimstein eine edle und faszinierende Frauengestalt des 19. Jahrhunderts. Die hier gesam­melten Briefe und sonstigen Schriftstücke gruppieren sich fast zwang­los um die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens: ihre Geburt 1820 als Tochter einer Brünner jüdischen Kaufmannsfamilie; ihre Vermählung 1842 mit dem Prokuristen des Bankhauses Rothschild in Wien, Leopold von Wertheimstein; ihre Erfahrungen während der 1848er Revolution; ihre 1849 beginnenden Knie- bzw. Fußleiden, die sie während eines ganzen Jahrzehnts oft ins Bett oder zum Krückengehen zwangen; ihr Zusammen­bruch 1866 nach dem plötzlichen Tod ihres künstlerisch begabten Sohnes Carl; ihre staunenerregende Rückkehr in die Gesellschaft 1870 nach lan­

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