Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

464 Literaturberichte ger Depression und Zurückgezogenheit; ihre darauffolgenden zunehmen­den Sorgen um den geistigen und physischen Zustand ihrer schönen, neurasthenischen Tochter Franziska und letzten Endes um ihre eigene Gesundheit; schließlich ihren Tod in ihrer Döblinger Villa am 16. Juli 1894. Dieser Lebenslauf bildet das erste Hauptthema der Sammlung. Ein zweites behandelt Josephine von Wertheimsteins enge Beziehungen zu ihren vielen bedeutenden Freunden, die sie oft durch Berichte über Reisen, Erlebnisse und Schöpfungen zu erheitern und von ihren Sorgen abzulenken suchten. Von besonderem Interesse sind die oft charmanten und geistreichen Briefe des heute längst vergessenen Komponisten Jo­seph Dessauer, des als geistiger Führer des Wertheimsteinkreises gelten­den Bauernfeld und des großen Porträtmalers Lenbach. Ein drittes Haupt­thema ist die außerordentliche Anziehungskraft, die Josephine von Wert­heimstein auf ihre Freunde ausübte. Worin eigentlich dieser Zauber lag, ist aus ihren eigenen Briefen schwer erkennbar, und Kann mag Recht haben, wenn er in seiner Einleitung das Geheimnis in ihrer weiblichen Passivität und ihrer den Künstlern schmeichelnden Kunstbegeisterung sucht. Dazu kam ihr heroisches Ausharren angesichts menschlichen Un­glücks, eine Eigenschaft, die eine Tugend der Vorstellungswelt des Bieder­meier, aus der die große Mehrzahl ihrer Freunde stammte, anziehend verkörperte. Endlich deutet ein um 1842 verfaßtes Gedicht „Der wilde Ochs“, worin die junge Frau in berauschendem Rhythmus den brutalen Tod eines von Hunden gejagten Tiers feurig schildert, auf eine weitere wichtige Seite ihrer Natur, die der Leidenschaftlichkeit, hin. Moritz Hart­mann darf hier für ihre sämtlichen Verehrer sprechen: „Warum soll ich es Ihnen nicht sagen“, schrieb er aus Paris am 18. Mai 1858, „daß ich Sie unendlich liebe? Es thut ja Ihrer Würde und Ihrer Tugend nicht den mindesten Eintrag; Sie können ja nichts dafür, und es geht Sie nichts an. Aber es freut eine Frau immer, sich geliebt zu wissen, und warum sollte ich Ihnen nicht die Freude machen, um Ihnen das kleinste Vergnügen zu ver­schaffen“ (S. 173)? Drei Tage später schrieb er nochmals: „Seien Sie glücklich und machen Sie sich keine traurigen Gedanken. Erinnern Sie sich immer, wenn Sie in Ihren ,schwarzen Abgrund“ sehen, daß Sie glücklicher sind, trotz Allem, als die meisten Menschen, denn Niemand wird mehr geliebt als Sie, und Niemand besitzt die Gabe, Andere zu beglücken, in solchem Grade“ (S. 174—5). Mit der Zeit öffnete sich dieser schwarze Abgrund immer weiter. „Mit den frohen Stunden ... ist es in Gottes Namen vorbei“ (S. 239) schrieb Moritz von Schwind 1866 in Bezug auf den Tod Carl von Wertheim­steins, ein Ereignis, das die Abgrenzung zwischen den beiden von Hein­rich Gomperz aufgebauten Hauptteilen der Sammlung bildet. Während über dem ersten Teil ein Hauch von Lebensfreude und gemäßigter Hoff­nung auf die Zukunft weht, ist der Grundton des zweiten Teils ausge­sprochen düster. Langsam beginnen die Mitglieder des Wertheimstein­kreises zu altern, und einer nach dem andern stirbt. 1883 schrieb der 81jährige Bauernfeld: „Das Alter ist selbst eine Krankheit, meint Seneca. Ich finde aber, das Alter ist schon der Tod“ (S. 377). Und dies galt für

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