Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Referate 435 zum 31. Juli 1959 lautete die Bezeichnung, auf die Praxis der Jahre 1923— 1938 zurückgreifend, „Bundeskanzleramt — Auswärtige Angelegenheiten“, nominell als Sektion IV des Bundeskanzleramts, jedoch bekanntlich unter der Verantwortung eines Bundesministers für Auswärtige Angelegenheiten. Erst seit Ende Juli 1959 existiert wieder (wie in der Ersten Republik bis 1923) ein eigenes Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten, die „Abteilung Pol“ der Jahre 1945—1959 wurde in die politische Sektion (Sektion II) des neuen Ministeriums umgewandelt. Die Edition umfaßt naturgemäß nur einen ganz kleinen Bruchteil des vorhandenen Aktenbestandes, der noch nicht der allgemeinen Benützung offensteht, in welchen jedoch bereits einigen Historikern, zunächst für die Zeit bis Mitte der Fünfzigerjahre, Einsichtnahme gestattet wurde. Der Hg. der Edition, Alfons Schilcher, ist Dissertant am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (bei Dozent Gerhard Jagschitz), seine Dissertation wird die österreichisch-sowjetischen Beziehungen von 1945—1947 behandeln. Sch. hat seiner Edition keine rein chronologische, sondern eine sachbezogene Gliederung gegeben. Die sechzehn Abschnitte sind von ungleichem Umfang; manche Abschnitte beinhalten bis zu vierzehn Aktenstücke, andere Abschnitte bestehen nur aus einem einzelnen Aktenstück. Schon aus der Benennung der einzelnen Abschnitte läßt sich erkennen, daß den ausgewählten Aktenstücken beträchtliches Interesse für die Geschichte des ersten Jahrzehnts der Zweiten Republik zukommt. Abschnitt I behandelt das Problem der Anerkennung der provisorischen Staatsregierung durch die Westmächte; von besonderem Interesse sind einige Aktenvermerke des österreichischen Verbindungsbeamten zur amerikanischen Besatzungsmacht Ludwig Kleinwächter, dem nachmaligen langjährigen politischen Vertreter, Gesandten und Botschafter in Washington, der dank seiner Dienstleistung in den Vereinigten Staaten vor 1938 besonders rasch gute Kontakte mit den ersten amerikanischen Diplomaten in Wien 1945 herstellen konnte (Aktenstücke nn. 4—7, 10—14). In der Staatskanzlei gab es übrigens für jede Besatzungsmacht einen Verbindungsbeamten, für die Briten den Gesandten Wilhelm Engerth, für die Franzosen den Gesandten Josef Eckhardt (obgleich gerade im Verkehr mit den Franzosen der Leiter der politischen Abteilung, Norbert Bischoff, der vor 1938 in Paris gearbeitet hatte, sehr aktiv war) und für die Sowjets den russisch sprechenden Gesandten Heinz Schmid. Abschnitt II behandelt „handeis- und wirtschaftspolitische Indikatoren des Jahres 1945“. Von Interesse, obgleich nichts grundlegend Neues beinhaltend, sind Hinweise auf die schweren westlichen Bedenken gegen das geplante bilaterale österreichisch-sowjetische Erdölabkommen vom September 1945 (Gespräche Erhardt—Kleinwächter und Monicault— Bischoff, Aktenstücke nn. 23 und 24). Die interessantesten Akten zu den Erdölverhandlungen vom Spätsommer 1945 befinden sich allerdings nicht in den Beständen der politischen Abteilung, sondern in den Akten des Völkerrechtsbüros, da das Außenamt bei diesen Verhandlungen durch 28*