Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

432 Literaturberichte der NATO zerstören wollten. Beides bezog zu viel Irrationales in die Er­klärung ein, trug aber sicherlich dazu bei, den Wunsch nach dem Aus­leuchten der Hintergründe wachsen zu lassen. Trotz dieser Attraktivität und eines wohl auch politischen Anliegens be­durfte es eines Zeitraumes von 20 Jahren, ehe man außer über das Fak­tum des Zustandekommens und einige memoirenhafte Details hinauskam. Daß es diesen Kenntnissprung gab, war das Verdienst von Gerald Stourzh, der mit seiner Kleinen Geschichte des Österreichischen Staatsv ertrag es eine solide und hervorragend belegte Darstellung gab. Doch schon in die­sem ersten Buch spiegelte sich auch etwas Forschungsgeschichte wider: Es war dadurch fundiert zu schreiben gewesen, weil Amerikaner und Briten damit begonnen hatten, ihre Akten zugänglich zu machen. Die ersten Phasen der Staatsvertragsverhandlungen gewannen also dadurch an Schärfe, daß mit Hilfe der in Washington und London freigegebenen Akten Einblicke gewonnen werden konnten, die es in Österreich nicht gab. Man lernte somit ein Kapitel österreichischer Geschichte (und was für eines noch dazu!!) im Umweg über die USA und Großbritannien ken­nen. Als dann eine zumindest teilweise Öffnung der österreichischen Archive folgte, war erstmals auch der umwegigen Kenntnis eine unmit­telbare Kenntnis hinzuzufügen. Und damit waren die Voraussetzungen für die Neubearbeitung gegeben. Das bemerkenswerteste Ergebnis dabei war, daß nur wenige Aussagen korrigiert werden mußten, wohl aber gewann vieles erst dadurch Le­ben, daß den amerikanischen und britischen Akten die österreichischen gegenübergestellt werden konnten und sich die Vielschichtigkeit und der auch oft beachtenswerte Ideenreichtum der politisch Verantwortlichen nachvollziehen ließ. Vor allem wurde es erst im Zuge dieses Neudurch- arbeitens besser belegbar, wie sehr entscheidende Initiativen in der Staats­vertragsfrage dadurch zustande kamen, daß in Österreich ausgearbeitete Gedankengänge im Umweg über eine der Besatzungsmächte ihren Weg in die Verhandlungen fanden und dort dann gar nicht mehr als öster­reichische Vorschläge, sondern als Initiativen eines der „großen Vier“ erschienen. Das war beim Cherriére-Plan der Fall, der eine kräftige öster­reichische Wurzel hatte und eine finanzielle und globale Ablöse des so­genannten Deutschen Eigentums vorsah, fand seine Fortsetzung in der Episode des Kurzvertrages und endet schließlich damit, daß Österreich in Berlin einen genau abgegrenzten, aber auch vorher abgesprochenen Ver­handlungsspielraum eingeräumt bekam. Und als zuguterletzt der Durch­bruch in der Weise erzielt wurde, daß eine Verknüpfung von Neutralität und Staatsvertrag vorgenommen wurde, da lag auch dem eine österrei­chische Initiative zugrunde und waren die Weichen schon vorher gestellt worden. Die Geschichte des Staatsvertrags ist somit auch eine Geschich­te der stillen Diplomatie. Die meisten zusätzlichen Erkenntnisse waren schließlich dort zu gewin­nen gewesen, wo infolge der Benützbarkeit der österreichischen Akten

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