Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Referate 429 Dies ist die typische Bemerkung eines Völkerrechtlers, der es gewohnt ist, rein formálj uristisch, sozusagen mit dem Seziermesser zu argumen­tieren. Verosta blieb dann auch nicht unwidersprochen. So widersetzte Eduard März sich der Darstellung, „als ob wir Hitler dafür dankbar sein müßten, daß er in Österreich einmarschiert ist und uns quasi ein schmut­ziges Geschäft abgenommen ist“ (S. 326). Damit sind wir beim dritten Thema angelangt, das der Schuld oder Mitschuld Österreichs. Die alte Frage, so bemerkte Vizekanzler a. D. Fritz Bock treffend, „über die wir uns an diesem Tische leider nicht einigen werden. Wir brauchen darüber kein großes Gejammer mehr an- stimmen, wir wissen das seit vielen Jahren, so oft wir auf die Frage kommen, ob die innere Konstruktion Österreichs zwischen 1934 und 1938 schuld oder mitschuldig an den Ereignissen des 11. März 1938 gewesen ist. Da scheiden sich die Geister!“ (S. 326). So ist es und so wird es wahrscheinlich bleiben, doch hat diese Tagung gezeigt, wie schnell man Emotionen zu wecken im Stande ist, sobald man diesen heiklen Punkt berührt. Die meisten Referenten und Diskussionsteilnehmer umgingen allem Anschein nach diese Frage dadurch, daß sie den Anschluß von deutscher Sicht aus beleuchteten, ihn als einen deutschen Akt darstell­ten, wobei Österreich die passive Rolle zugedacht bekam. Kennzeichnend ist die geringe Aufmerksamkeit dem österreichischen Nationalsozialismus gegenüber, der in nur zwei — noch dazu ganz kurzen — Referaten Beach­tung fand. Adam Wandruszka (Das „nationale Lager“ in der Ersten Republik, S. 164—172) läßt ihn ganz im „nationalen Lager“, dem er kaum Anschlußfreudigkeit zuerkennt, untergehen, während Gerhard Jag- s c h i t z (Thesen zum Konzept der NSDAP, S. 173 f) in acht Thesen und auf zwei Seiten die Nichtigkeit seiner Parteiorganisation zu bewei­sen versucht. Felix Kreissler (S. 369) wirft denn auch Wandruszka vor allem eine Bagatellisierung der Kräfte im nationalen Lager als Wegbereiter des Anschlusses vor. Und Anton Staudinger stellt fest, daß es in Österreich eine über die von Wandruszka genannten deutschnationa­len Gruppen hinausgehende breite Anschlußbewegung gegeben habe, die untersucht werden müsse, damit man aufhöre, „die treibenden Kräfte für den Anschluß fast ausschließlich in das Ausland [abzuschieben]“ (S. 380). Kennzeichnend ist, daß eben diese Anschlußbewegung nicht als Thema für die Tagung vorgesehen war. Erfreulich ist hingegen, daß Isa­bella A c k e r 1 in ihrem Referat (Nationalsozialistische „Wiedergutma­chung“, S. 206—215) einen Weg einschlägt, der für die Lösung der Mit­schuldfrage vielversprechend erscheint. Den Ausgangspunkt bildet die Überlegung, daß der Anschluß ohne Kontinuität der normalen staatlichen, wirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Funktionen nicht möglich ge­wesen wäre. A. zeigt, daß bei der einem Revanchefeldzug ähnlichen „Wie­dergutmachung“ an Parteigenossen wegen im „Kampf für Führer und Reich“ erlittenen Schadens an der Ausarbeitung gesetzlicher Richtlinien, auf Grund derer vor allem die Juden die Last der Wiedergutmachung

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