Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

430 Literaturberichte zu tragen hatten, Leute beteiligt waren, die im Ständestaat zur amtli­chen Prominenz gehört hatten. Die Kontinuitätsfrage würde es verdie­nen, neben der Anschlußbewegung eingehend studiert zu werden, wobei mehr auf die Gesinnung als auf die Fakten zu achten wäre. Zwei Referate wurden bisher nicht berührt, weil sie sich kaum in das oben aufgestellte Schema eingliedern lassen. Erika Weinzierl (Chri­sten und Juden nach der NS-Machtergreifung in Österreich, S. 175—205) skizziert einleuchtend das Verhalten der katholischen, evangelischen und altkatholischen Kirchen und das schreckliche Schicksal der Juden bis zur Einführung der Nürnberger Rassengesetze in der Ostmark am 20. Mai 1938. Gerhard Botz schließlich (Schuschniggs geplante Volksbefragung und Hitlers „Volksabstimmung“ in Österreich. Ein Vergleich, S. 220—243) präsentiert ein Referat, in dem er so ungefähr alles vergleicht, was sich vergleichen läßt, und dessen Nutzen dem Rezensenten daher in manchem Punkt entgeht. Inwieweit die Referate etwas Neues bringen, ist wohl nur vom jeweili­gen Fachhistoriker zu beurteilen. Es wäre jedenfalls wünschenswert gewe­sen, hätten sich die beiden Herausgeber der Mühe unterzogen, den Re­feraten eine Bestandsaufnahme der bisherigen Anschlußdebatte vorauszu­schicken; in diesem Fall ließen sich die einzelnen Beiträge besser bewer­ten, wäre Neues vom Alten zu unterscheiden und damit die Lücke in der historischen Forschung leichter aufzuzeigen. Zum Schluß eine didaktische Bemerkung, die man wahrscheinlich nur von einem Ausländer erwarten kann. Meine Kollegen und ich beobach­ten bei unseren Studenten in den Niederlanden eine bedauerliche Abnei­gung deutschsprachiger wissenschaftlicher Literatur gegenüber, und es ist anzunehmen, daß dies auch in anderen fremdsprachigen Ländern der Fall ist. Ursache dafür sind die langen und schwierig konstruierten Sätze. Deutschsprachige Autoren erwecken oft den Eindruck, als wären sie bei Tacitus in die Lehre gegangen: In diesem Band sind die Referate im all­gemeinen glücklicherweise gut lesbar; trotzdem begegnet man Sätzen, bei denen man sich auch nach wiederholtem Lesen fragt, ob sie einen Inhalt haben, und wenn ja, welchen, z. B.: „Eine Analyse unter der Perspektive etappenweiser Abfolge der Ereignisse darf daher bei Gefahr einer retrospektiven Rekonstruktion der Strategie aus dem Ergebnis weder den realen Endzustand noch die Abfolge der Etappen sozusagen vorneweg verfügen. Ganz im Gegensatz dazu ist ... von den je­weiligen durch die Reaktion auf die konkreten Verhältnisse motivierten und als Antwort auf die konkreten Erfordernisse getroffenen Entscheidungen auszugehen, die die Vorstellungen vom jeweils gedachten Endzustand der Verfügung über Österreich wie auch von der dazu weiter hinführenden Strategie verändern und selbst wieder zur Entwicklung einer neuen, veränder­ten Strategie führen konnten“ (S. 273, Stuhlpfarrer). Solche Sätze sollte man tunlichst vermeiden. Jac Bosmans (Nijmegen)

Next

/
Thumbnails
Contents