Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
426 Literaturberichte bracht werden, die oft zu der von den Referenten konstruierten globalen Wirklichkeit in Widerspruch stehen und wegen ihrer momentanen Unkontrollierbarkeit für die Dauer der Tagung die Wirklichkeit zu ersetzen drohen. Die Drucklegung der Diskussionsbeiträge läßt jedoch solche Mechanismen aufspüren und die falschen Eindrücke hinterher korrigieren. Die Emotionen haben aber auch einen Vorteil. Die Hauptthemen der Debatte lassen sich nämlich schneller erfassen, wenn man die Dis- kusssionsbeiträge überblickt — gerade weil diese Themen in der Spontaneität der Diskussion am meisten für Emotionen hergeben —, als wenn man die in der ruhigen Umgebung des Studierzimmers niedergeschriebenen Referate nacheinander liest. Drei Fragen treten besonders in den Vordergrund: Wieso kam es zum Anschluß? Wie ist das Unterbleiben jeglichen Widerstandes in den Märztagen zu werten? Und, im Zusammenhang mit den vorhergehenden Themen: Gab es in Österreich irgendwelche Sehnsucht nach dem Anschluß? Obwohl die vierzehn Referate Flickwerk bilden, lassen sie sich doch im Großen und Ganzen nach diesen Themen zusammenstellen. In seinem Einleitungsreferat (Anschluß 1938 — einige Bemerkungen zum Ende der Ersten Republik, S. 11—15) betont Rudolf Neck, daß der Anschluß von langer — deutscher — Hand vorbereitet war. Im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie war er eine fundamentale politische Notwendigkeit; man brauche nur Mein Kampf zu lesen, um das zu verstehen. — Der Aufmarsch der Wirtschaftsgeschichte rüttelt auch hier (und mit Recht) am Monopol der politischen Geschichte. Norbert Schausberger (Der Anschluß und seine ökonomische Relevanz, S. 244-—270) ist der Meinung, daß die Frage des Anschlusses als emotional aufgeladenes Vehikel benützt worden ist, um die dabei vorhandenen gravierenden wirtschaftspolitischen Interessen und Zielsetzungen durch nationale Motive und deren propagandistische Herausstellung zu überdecken. Er lenkt daher das Interesse auf die wirtschafts- und die direkt damit verbundenen wehrpolitischen Hintergründe. Wichtig ist festzustellen, so Sch., daß das nationalsozialistische Deutschland 1937 die Grenze seiner eigenen wirtschaftlichen Expansionsmöglichkeiten erreicht hatte. Seitdem wurde Österreich für die deutsche politische und wirtschaftliche Führung immer bedeutsamer als Basis für ein erstes Ausgreifen nach dem Südosten, wo man den idealen Ergänzungsraum für die Rohstoffmängel erwartete. Überdies hoffte man anfangs, in Österreich selbst viel von dem fehlenden wirtschaftlichen Potential auftreiben zu können, damit das Tempo der Aufrüstung nicht zu erschlaffen brauche. In der Diskussion fügt Sch, noch hinzu, daß das deutsche Expansionsstreben nach Südosteuropa zumindest seit der Zeit des Wilhelminischen Imperialismus nachzuweisen sei (S. 420). Das Erreichen eines in wirtschaftlicher und wehrpolitischer Hinsicht kritischen Punktes 1937 machte es dann notwendig, das Streben in Handeln umzusetzen. Sch. wird ergänzt von Karl Stuhlpfarrer (Der deutsche Plan einer Währungsunion mit Österreich,