Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Referate 427 S. 271—294), indem dieser dem Drängen deutscherseits auf eine Wäh­rungsunion ab 1937 nachgeht. St. meint sogar, daß der Anschluß zu dem Zeitpunkt, an dem er durchgeführt wurde, ursprünglich überhaupt nicht geplant war und letzten Endes „improvisiert“ wurde, als sich heraus­stellte, daß eine „normale“ wirtschaftliche Angliederung Österreichs nicht zu erreichen war. Das Verdienst dieser beiden Referate ist, anschaulich gemacht zu haben, daß der Anschluß nicht nur eine politisch-ideologi­sche Angelegenheit war. Aber, wie so oft in der Wirtschaftsgeschichte, begehen beide Autoren denselben Fehler der Einseitigkeit, den man der politischen Geschichte oft vorwirft, nämlich in diesem Fall den der Beschränkung auf wirtschaftliche Motive. Zugegebenermaßen ist eine holi- stische Behandlung der Frage äußerst schwierig, doch sollte sie trotz­dem versucht werden. Kommen wir zum zweiten Thema, dem des Widerstandes. Aus dem von Wolfgang Neugebauer und Herbert Steiner (Widerstand und Verfolgung in Österreich im Zeitraum vom 12. Februar 1938 bis zum 10. April 1938, S. 86—108) aufgestellten Namensverzeichnis der Mitglieder des Widerstandes geht hervor, daß es nur beschränkt Bereitschaft zum Widerstand gab. Dieser Umstand war nicht nur bedingt durch die gleich nach dem Anschluß brutal einsetzende Verfolgung, sie wurde auch be­einflußt durch militärische und vor allem politische Überlegungen. Auf Grund der ziffernmäßigen Gliederung der bewaffneten Macht im Februar 1938 (Erwin Steinböck Die bewaffnete Macht Österreichs im Jahre 1938, S. 109—134) muß man annehmen, daß Österreich zu größeren Aktio­nen sicherlich nicht im Stande war. Überdies, so zeigt uns Peter B r o u c e k (Die militärische Situation Österreichs und die Entstehung der Pläne zur Landesverteidigung, S. 135—163), hatte man überhaupt nicht die Absicht, sich um den Preis eines echten Krieges zwischen den Mächtegruppen zu verteidigen, und konnte man sich diese Absicht — schon wegen des Abrüstungszustandes und weil die bewaffnete Neutrali­tät und deren Verteidigung einfach seit längerer Zeit die Doktrin bilde­ten — auch gar nicht leisten. Wahrscheinlich hätte man die einmarschie­renden Truppen für wenige Tage aufgehalten, während welcher Zeit das Ausland eventuell hätte mobilisieren können; eine solche Absicht ist je­doch in den Märztagen nicht verwirklicht worden. Die Politik Schusch­niggs war nicht dazu bereit, weil sie keine Erfolgschancen sah und Blutvergießen daher als sinnlos beurteilte. In der Debatte wurde dieser Punkt der am heißesten diskutierte. Im Allgemeinen wird die Entschei­dung Schuschniggs sachlich gebilligt, es ist jedoch umstritten, ob sie hin­sichtlich des moralischen Effektes eines Widerstandes auf lange Sicht politisch richtig war. So führte Friedl Fürnberg (und er war nicht der einzige) an, Schuschnigg hätte, statt zurückzutreten und zum Unterlas­sen des Widerstandes aufzurufen, genauso im Radio sagen können: „Ich trete nicht zurück, ... leistet Widerstand“ (S. 329). Gewiß wäre öster­

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