Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Referate 423 wäre das Literaturverzeichnis der drei Bände vielleicht besser zu koordi­nieren gewesen, zumindest hinsichtlich der den gesamten Zeitraum betref­fenden Werke. Den dritten, zuerst erschienenen Band hat der Hg. selbst bearbeitet. Seine Einleitung ist durch ausgewogenes Urteil und souveränen Über­blick gekennzeichnet, gegliedert wiederum nach einzelnen Themenkreisen. Im ersten Abschnitt Österreichs Friedenspolitik bezeichnet es B. als wich­tigsten, durch die Edition belegten neuen Gesichtspunkt, daß die von Friedjung und Srbik 7) vertretene Auffassung von einer offensiven Außen­politik und expansiven Balkanpolitik Österreichs mit Vorbereitung auf eine baldige Kriegsteilnahme falsch sei. Buol schätzte die Isolierung und innere Lage Rußlands richtig ein, die Übergabe des Ultimatums an Ruß­land sei ein diplomatisches Meisterstück gewesen. Als Schlüsselbegriffe für die österreichische Politik ergeben sich aus den Quellen die Unbe­rechenbarkeit der Entwicklung im Falle eines Eingreifens Österreichs, die Gefahr eines Weltkrieges, der Revolution und des Nationalitätenkamp­fes, was Napoleon III. zu einer Neugestaltung Europas ausgenützt hätte, ferner ein starkes Bewußtsein von der Verwundbarkeit Österreichs nach außen und innen. Selbst Bismarck und der württembergische Außenmi­nister Baron Hügel bestätigten die Abneigung Österreichs gegen einen Kriegseintritt. Hinsichtlich der Stellung Österreichs unter den Großmächten hebt B. die als Befreiung empfundene Lösung von Rußland hervor, wobei aber Buol im Gegensatz zu England Rußland nicht in seiner Substanz als Großmacht treffen, sondern nur dessen Übermacht brechen wollte. Allerdings war sei­ne Hoffnung, die Abwendung von Rußland durch ein engeres Bündnis mit dem Westen aufzufangen, eine schwere Täuschung, da eine dauernde Bindung des konservativen Österreich an das liberale England und das zu wenig als revolutionär eingeschätzte Frankreich unmöglich war. De facto gab der Friedensvertrag das Signal für die Isolierung Österreichs in Europa. Als Alternative sieht B. für die Krimkriegzeit jedoch lediglich den Kriegseintritt mit anschließender Katastrophe, zumal Österreich nicht bereit war, durch das Zugeständnis der Gleichberechtigung eine Neutra­lität in engerer Bindung an Preußen und den Deutschen Bund zu ermög­lichen. Die Politik gegenüber Preußen ist nach Aussage der Quellen nicht, wie bis­her üblich, offensiv im Sinne der Gewinnung einer Rückendeckung für den Krieg zu deuten, sondern eher als diplomatisches Druckmittel, um nach beiden Seiten für eine Kriegsbeendigung wirken zu können. Buol wollte Preußen die Rückkehr in das den status quo sichernde europäische Konzert der Mächte ermöglichen und betrachtete dessen Teilnahme am 7) Heinrich Friedj ung Der Krimikrieg und die österreichische Politik (Stuttgart—Berlin 21911); Heinrich Ritter von Srbik Deutsche Einheit. Idee und Wirklichkeit vom Heiligen Reich bis Königgrätz 2 (München *1940).

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