Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

424 Literaturberichte Friedensschluß als europäische Notwendigkeit. Ferner hielt er die Mit­wirkung Preußens auch für ein deutsches Erfordernis, weil die Alterna­tive eine Disharmonie und die Negation des Bundesprinzips gewesen wäre. In erster Linie wünschte er deswegen im eminent österreichischen Interesse die Rückkehr Preußens auf seinen natürlichen Platz als Groß­macht, weil Österreichs Stimme durch den Rückhalt an Preußen ver­stärkt werden sollte, und ferner als Gegengewicht gegen ein befürchte­tes französisch-russisches Rapprochement und zur Wiederherstellung des einmütigen Handelns im Bundestag. Freilich war das Ganze eine Fehl­kalkulation, denn Preußen erreichte durch den Krimkrieg eine politische Selbständigkeit wie nie zuvor, wodurch seine offensive Deutschland­politik wesentlich erleichtert wurde. Hinsichtlich des Deutschen Bundes kritisiert auch B. die Überheblichkeit Buols, fand jedoch keinerlei Anhaltspunkt dafür, daß er den Bund für kriegerische Absichten einspannen wollte. Vielmehr strebte er danach, die Stellung des Bundes im Dienste der Friedensanbahnung zu stärken, scheiterte jedoch an der Verzögerungstaktik Bismarcks und den Intriguen der Beustschen Triaspolitik. Für Preußen war der Bund ein Hindernis für seine Hegemonieansprüche, für Österreich ein Bollwerk dagegen. Im übrigen bezeichnet es B. als Desiderat der Forschung, das Verhält­nis Österreichs zum Deutschen Bund genauer zu analysieren. Die Frage der Bedeutung Franz Josephs für die österreichische Außen­politik kann B. auf Grund der Quellen in seinem Band eindeutig zugun­sten des Monarchen entscheiden, und zwar ganz besonders hinsichtlich der Donaufürstentümer und der Teilnahme Preußens am Frieden. In den Donaufürstentümem strebte Österreich die Ausweitung von Einfluß an, wie dies seit Beginn der Neuzeit bei allen Großmächten der Fall war, was dann für die spätere Zeit mit dem vieldeutigen Begriff Imperialis­mus umschrieben wurde. Allerdings blieb es im Falle Österreich bei der bloßen Absicht. Hauptsorge war die Vereinigung der Donaufürstentümer und deren Selbständigkeit mit der daraus folgenden Rückwirkung auf die Nationalitäten in Österreich sowie der Gefahr eines Einflusses seitens des orthodoxen Rußland. Die österreichische Politik entsprang also kei­nem offensiven Expansionsstreben, sondern ist eher Ausdruck der Ver­zweiflung, einer Untergangsstimmung, eher Schwäche als Drang nach dem Südosten. Da sich der Plan einer Organisierung des Wehrsystems nach österreichischem Muster nicht durchführen ließ, beschränkte man sich auf Waffenlieferungen zum Selbstkostenpreis, was also wahrlich nicht als kapitalistischer Imperialismus interpretiert werden kann. Auch die zweite Maßnahme, das Bemühen um einen Anschluß des Eisenbahn­systems an das österreichische, war eher defensiv, zumal Österreich da­mals einen Teil seiner eigenen Bahnen an französische Gesellschaften ver­äußert hatte. Hinsichtlich des Einflusses der Generäle auf die Politik charakterisiert B. zunächst den bisher als Exponenten der Südostexpansion angeführten

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