Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Alldeutsch-deutschnationale Politik 401 gestellten sammlungs- und weltpolitischen ,Zweckrationalität‘ der Aktivität des ADV berücksichtigt zu wenig die Möglichkeit einer autonomen Dynamik des extremen Nationalismus. Dementsprechend sind die Motive des politischen Verhaltens der Alldeutschen selbst ungeklärt geblieben. Der Nachweis, daß Beziehungen zwischen ADV und Kartell bestanden haben und daß letzteres aus der alldeutschen Agitation Nutzen gezogen hat, kann keinesfalls schon als Antwort auf die Frage gelten, weshalb denn die Alldeutschen ihrerseits sich gerade so verhalten haben148). Insbesondere blieben in diesem Falle diejenigen Elemente der alldeutschen Politik unverständlich, die nicht den Interessen der .Kartellträger“ entsprachen. Die konfliktreiche Geschichte der Versuche einer dauerhaften Zusammenarbeit zwischen ADV einerseits, einzelnen Regierungsinstanzen, Centralverband deutscher Industrieller und konservativen Parteien andererseits während der Amtszeit Bethmann Hollwegs zeigt deutlich genug: Die Vorstellung einer sammlungspolitisch-sozialimperialistischen Rationalität des völkischen Nationalismus verfehlt, ja verharmlost dessen vitale, letztlich irrational-selbstzerstörerische Dynamik. Das antiliberale und zugleich liberale, antimodernistische und revolutionäre, kulturpessimistische und „völkisch“-utopische Doppelgesicht der „nationalen Opposition“ bringt deren charakteristische Ambivalenz zum Ausdruck: Aus einem Spannungsverhältnis von Über-Integration und Verweigerung bezieht die Radikalisierung der .Bewegung“ nicht nur ihre Dynamik, — es ist auch verantwortlich dafür, daß das Verselbständigungsstreben des „völkischen“ Nationalismus vor 1914 letzten Endes die soziale Eingrenzung auf das Bürgertum von .Bildung und Besitz“ noch nicht zu über- * 14 dustrieller zum ADV: S. 51. Ähnlich: Fischer Krieg der Illusionen 349 f sowie Dieter G r o h Negative Integration und revolutionärer Attentismus (Frankfurt/M.—Berlin [W]—Wien 1973) unter anderem 232, 514 f, wo gegenüber der Funktion des ADV als „propagandistische Clearingstelle“ (514) die u. E. wichtigere kollektivpsychische Entlastungsfunktion bildungsbürgerlichmittelständischen Zuschnitts unterschätzt wird. Noch schematisch-abstrakter urteilt P u h 1 e Parlament bes. 359: Einige empirische Hinweise darauf, daß „Kapitaleigner und industrielle Unternehmer“ die „eigentlich interessierten Nutznießer“ der Aktivität der nationalistischen Agitationsvereine gewesen seien, werden mit der Aussage, diese „Nutznießer“ hätten zusammen mit „Regierung und einigen Spitzen der Hofgesellschaft“ die Tätigkeit unter anderem des ADV „inspiriert“, spekulativ .kurzgeschlossen“. Empiriefern und dogmatisch Fritz Vilmars Formel, derzufolge ein „imperialistischer Nationalismus bewußt von den herrschenden Schichten produziert“ worden sein soll: dsbe Ursachen und Wandlungen des modernen Imperialismus in Dieter Senghaas (Hg.) Friedensforschung und Gesellschaftskritik (München 1970) 86—98, 101. 14S) Insofern erscheint auch aus der Perspektive einer ADV-Untersuchung die Warnung Thomas Nipperdeys vor überzogener „Funktionalisierung“ des wilhelminischen Nationalismus (dsbe Wehlers „Kaiserreich“ in GG 1 [1975] 539-—560, hier 550) bestätigt. Nipperdey macht allerdings in seinen eigenen Ausführungen nicht klar, wie sich der — in gewissem Sinne sogar notwendige — „genuine Nationalismus“ zum extremen, „völkischen“ Nationalismus, der eine besondere Erklärung verlangt, verhält. Mitteilungen, Band 36 26