Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

402 Günter Schödl winden vermag. Eine genauere Anschauung von Motiven und Bewegungs­richtung, Resonanzchancen und Durchsetzungsfähigkeit des alldeutschen Nationalismus kann wohl nur aus weiteren sozialhistorischen Untersu­chungen zu Existenzbedingungen und Selbstverständnis des wilhelmini­schen Bürgertums, besonders des protestantischen Bildungsbürgertums, bezogen werden. Dies wiederum ist — neben der Klärung von Nationalis­mus- und Faschismusbegriff — auch Voraussetzung weiterführender Er­örterungen über die Frage, ob im Rahmen einer Kontinuität der deutschen Geschichte seit Bismarck auch eine alldeutsch/deutschnational-national- sozialistische Kontinuität gegeben gewesen ist. Das derzeitige Wissen über den ausgeprägt wilhelminisch-,gutbürgerlichen“ Sozialcharakter des ADV und über dessen partiell gouvemementale Haltung lassen die — z. B. von Puhle vorgeschlagene — Anwendung des Präfaschismusbegriffes nicht ohne weiteres als akzeptabel erscheinen. Die hiermit skizzierten Einwände 14°) gegen eine ADV-Interpretation ausschließlich aus der Perspektive jener sammlungspolitisch-sozialimpe­rialistischen Modellvorstellung von der Struktur des Kaiserreiches, wie sie in eindrucksvoller Weise vor allem Hans-Ulrich Wehler 150) entwor­fen hat, sind nur ein Detail der nach wie vor kontroversen Kaiserreich­debatte als ganzer. Zu ähnlichen Auffassungen von partieller Autonomie bzw. beschränkter Funktionalität des extremen Nationalismus als Ele­mentes des wilhelminischen Herrschaftssystems ist in seinen umfassende­ren Erörterungen über Sammlungspolitik, Flottenbau und nationalisti­sche Verbände der englische Historiker Geoff Eley 151) gelangt. Im Rah­men der Auseinandersetzung um die Gesamtinterpretation des Kaiser­reichs scheint sich, obwohl ein — seinerseits nicht unbeteiligter — engli­scher Beobachter noch unlängst von einem „polemischen Stellungskrieg“ berichtete, dennoch zumindest in Sachen ,nationale Verbände“ eine Ten­denz zu wechselseitiger ,Abrüstung“ der Kombattanten durchzusetzen. * 107 149) Näheres dazu: Schödl Alldeutscher Verband bes. 261—271, 273—277. Der Verfasser hat aber Anlaß mehr als genug, in ähnlich kritischer Loyalität wie andere Beobachter und Teilnehmer der Kaiserreichdebatte (besonders prä­gnant: Geoff H. Eley Die „Kehrites“ und das Kaiserreich in GG 4 (1978) 91— 107, hier 93 Anm. 2) dankbar zu bekennen, daß er das neue Bild des Kaiser­reichs geradezu als .conditio sine qua non“ seiner eigenen Arbeit betrachtet. iso) Der historiographische Rang des Wehler’schen Oeuvres kommt auch in der Intensität der Kritik zum Ausdruck. Wegen des Bezuges zur Nationalis­musthematik sei hier hingewiesen auf Nipperdey Wehlers „Kaiserreich“ und Hans-Günter Zmarzlik Das Kaiserreich als Einbahnstraße? in Karl Holl—Günther List (Hg.) Liberalismus und imperialistischer Staat. Der Impe­rialismus als Problem liberaler Parteien in Deutschland 1890—1914 (Göttingen 1975) 62—71. isi) Geoff H. Eley The Wilhelmine Right: How it changed in Richard J. Evans (ed.) Society and Politics in Wilhelmine Germany (London 1978) 112—135; dsbe The German Navy League in German Politics 1898—1914 (Diss. Sussex 1974).

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