Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

378 Günter Schödl nalitätenprobleme der Donaumonarchie, über Dreibund und wilhelmini­sche „Weltpolitik“, versuchten Autoren wie André Chéradame (1901), Georges Weil (1904), Louis Eisenmann (1904) und Charles Andler (1915— 17) Struktur und Krise des habsburgischen Vielvölkerstaates zu ergrün­den * 3 * * * 7). Vor allem Chéradame, der die zeitgenössische Publizistik intensiv aus­wertete, erzielte mit seiner — allerdings unzureichend belegten — These, hinter der alldeutschen Irredenta verberge sich als treibende Kraft der reichsdeutsche „Drang nach Osten“, einige Resonanz. Dies auch in Un­garn: während der Zuspitzung der Auseinandersetzung zwischen Krone und ungarischer Opposition seit 1903 bedienten sich sowohl Neokossuthis- mus als auch kroato-serbische Koalition bei der Agitation gegen Drei­bund, gegen deutschungarische bzw. „pangermanische“ Minderheitenpo­litik u. ä. seiner Argumente8 9). Demgegenüber konstatierten — und be­dauerten! — die cisleithanischen Alldeutschen aller Richtungen wie auch die Deutschnationalen in Transleithanien — sie wurden teils von Schö­nerer, überwiegend aber vom reichsdeutschen Alldeutschen Verband be­einflußt —, daß gerade das Gegenteil der Fall sei: ,Berlin' und die reichs­deutsche Öffentlichkeit ließen sich durch ihr Übersee- und weltpolitisches Engagement davon abhalten, den Deutschen in der Donaumonarchie ge­gen „Slawisierung“ und „Magyarisierung“ beizustehen. Die Diskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik wurde also we­sentlich geprägt durch den Konzeptionenstreit, der sich in Sachen deut­sche Politik im Vielvölkerstaat' entfaltete. Dagegen war sie während der Zwischenkriegszeit in ähnlich hohem Maße durch die „Anschluß-“Frage bestimmt. Diese Variante der Gesamtproblematik von deutschösterrei­chischer Politik und deutschem Nationalstaat gewann angesichts einer durchgreifend veränderten politischen Lage Mitteleuropas nach 1918 er­hebliche, wenn auch stark schwankende Bedeutung °). Vom „unerlösten Deutschland“ ganz offen zu sprechen, war nicht länger mehr Privileg irredentistischer Schönerianer. Deren zugleich aggressiver und pessimistisch-paranoider „völkischer“ Nationalismus, der seit der „freialldeutschen“ Sezession Karl H. Wolfs und der Wahlniederlage von 1907 selbst im deutschnationalen Lager nur noch eine Randerscheinung gewesen war, fand nunmehr eine gewisse Bestätigung. Zwar wurde Schö­nerer, der am 14. August 1921 gestorben war, auch jetzt nicht zum inte­7) André Chéradame L’Europe et la question d’Autriche au seuil du XX siede (Paris 1901); Georges Weil Le Pangermanisme en Autriche (Paris 1904); Charles Andler Collections de documents sur le Pangermanisme 3 Bde (Paris 1915—17); Louis Eisenmann Le compromis Austro-Hongrois de 1867 (Paris 1904). s) Fortgesetzt wurde die Reihe derartiger, z. T. propagandistisch ausgerich­teter Darstellung nach dem 1. Weltkrieg durch Henri Loiseau Le Panger­manisme (Paris 1921) und Henri Hauser Un état dans „l’éspace vital“ (Paris 1940). 9) Dazu nunmehr Kann-Prinz Deutschland und Österreich.

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