Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 379 girierenden Leitbild des deutschnationalen Lagers, — es präsentierte sich zerstritten und uneinheitlich wie schon vor 1914. Aber Schönerers Auftreten als Wegbereiter von Anschlußforderung und rassistischem Anti­semitismus fand posthum Anerkennung. Selbst ein gemäßigt deutschna­tionaler Autor wie Paul Molisch, der 1926 die — u. E. noch immer in­formativste — Monographie zur deutschnationalen Bewegung im alten Österreich veröffentlicht hat10 11), sah sich veranlaßt, die vor 1914 meist- kritisierten Eigenschaften Schönerers — sein Auftreten als „preußen- seuchlerischer“ Chaot und sturer Dogmatiker — mit dem positiven Vor­zeichen des unbedingten nationalen Idealismus zu versehen "). Das Besondere — bis heute unerreicht Gebliebene — an Molischs Dar­stellung liegt darin, daß er die alldeutsche Bewegung in ihren deutsch­nationalen Gesamtzusammenhang einordnet12). Das ständige Aufsuchen der Wechselbeziehungen zwischen liberaler, deutschnationaler und all­deutscher Politik stellt unseres Erachtens nach wie vor eine wertvolle historiographische Leistung dar. Die Untersuchungen Molischs sind ebenso wie Eduard Pichls außeror­dentlich materialreiches „Lebensbild“ 13) Schönerers aus der gegenwärti­gen Forschungsdiskussion nicht wegzudenken. Allerdings verfügte Pichl noch weit weniger als Molisch über wissenschaftliche Distanz. Es war die erklärte Absicht dieses absolut unkritischen Schönerer-Anhängers, in scharfer Wendung gegen die — laut Schönerer — opportunistische „Staats- und Hofpolitik“ 14) unter anderem Otto Steinwenders und Karl Hermann Wolfs den reinen, „alldeutschen“ Kern deutschnationaler Po­litik zu dokumentieren. Die weitere deutschsprachige Spezialliteratur der Zwischenkriegszeit bleibt, was ihren informativen Gehalt angeht, weit hinter Molisch und Pichl zurück. Sie kann im Rahmen der heutigen Fachdiskussion nur in­sofern eine gewisse Aufmerksamkeit beanspruchen, als sie die verschie­*o) Paul Molisch Geschichte der deutschnationalen Bewegung in Öster­reich von ihren Anfängen bis zum Zerfall der Monarchie (Jena 1926) (das Buch, das der Verfasser „dem unerlösten Deutschland“ widmete, enthält einen einleitenden Beitrag von Kurt Knoll Das Wesen der deutschnationalen Be­wegung 1—28). Wichtige Ergänzungen lieferte Molisch unter anderem in Briefe zur deutschen Politik in Österreich von 1848 bis 1918 (Wien—Leipzig 1934) (Schwergewicht allerdings auf Liberalen und Konservativen) und in Politische Geschichte der deutschen Hochschulen in Österreich von 1848 bis 1918 (Wien— Leipzig 1939). 11) Siehe Molisch Geschichte der deutschnationalen Bewegung 151 f. 12) Ergänzend unter anderen Adolf Rapp Großdeutsch-Kleindeutsch (Mün­chen 1922); Heinz von Paller Der großdeutsche Gedanke (Leipzig 1928). >i) Herwig (d. i. Eduard Pichl) Georg Schönerer und die Entwicklung des Alldeutschtums in der Ostmark. Ein Lebensbild 4 Bde (Wien 1913—23). Erw. Ausgabe: 6 Bde in 3 Teilen (Oldenburg—Berlin 1938). Das vom Verfasser benutzte Material ist zum Teil in seinem Nachlaß — siehe Anm. 6 — ent­halten. ii) Ebenda, Vorwort zum 4. Bd. (Wien H923) III.

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