Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

AULINGER, Rosemarie: Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532. Meldungen an den Reichstag

Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532 151 Die große Bedeutung von Kundschafterberichten für Kriegsvorbereitungen und Kriegshandlungen selbst hat sich im Laufe der Jahrhunderte nie geän­dert. Die entscheidende Frage bleibt jedoch stets, wieweit man diesen Mel­dungen Glauben schenken und das eigene Verhalten darauf abstimmen kann. In welcher Form sich Kaiser und Reich 1532 mit diesen Berichten auseinan­dersetzten, wollen wir im Folgenden näher beleuchten. Der für den 6. Jänner geplante und schließlich am 17. April 1532 durch den Kaiser persönlich in Regensburg eröffnete Reichstag verhandelte in erster Linie über die Aufstellung eines Reichsheeres unter der Führung des Kaisers und Pfalzgraf Friedrichs als dessen Stellvertreter. Um die Dringlichkeit die­ser Hilfe zu unterstreichen, ließen Karl V. und Ferdinand I. Berichte aus der Türkei, Venedig und Ungarn verlesen, um die Reichsstände zur Eile zu mah­nen. In diesem Sinne wurden von April bis Juli 1532 acht verschiedene Schreiben vorgelegt, die alle denselben Tenor aufwiesen: Sultan Süleyman rüste ein riesiges Heer gegen Deutschland aus, das bis längstens August vor den Toren Wiens stehen werde. Drei weitere Berichte, die dem Reichstag übergeben wurden, stammen von den Herzogen Wilhelm IV. und Ludwig X. von Bayern, von Kurfürst Joachim von Brandenburg und von Erzbischof Matthäus von Salzburg18). Diese elf vorliegenden Kundschafterberichte, die auch den in Nürnberg ge­sondert tagenden Protestanten bekannt waren19), sollten dazu dienen, die Reichsstände auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, sie aufzurüt­teln und ihnen die Notwendigkeit einer raschen Verhandlungsführung darzu­legen. Sowohl für Ferdinand und den Kaiser, als auch für die österreichi­schen und ungarischen Stände, die eigene Delegierte zum Reichstag nach Re­aber Detailprobleme nicht übersetzt, sodaß man sich diese oft recht mühsam aus dem Originaltext „herausklauben“ muß. Eine Übersetzung des ganzen Buches wäre wün­schenswert. Rudolf Neck Diplomatische Beziehungen zum Vorderen Orient unter Karl V. in MÖSTA 5 (1952) 63-86; James W. Thompson and Saul Kussiel Padover Secret Diplomacy, Espionage, and Cryptography (New York 1963). ls) Alle diese Berichte liegen - gemeinsam mit den Verhandlungsakten des Reichs­tags - im HHStA Mainzer Erzkanzlerarchiv (= MEA) Reichstags aktén (= RT A) 6 a/2; nähere Angaben bei den einzelnen Stücken. Vgl. auch Ascan Westermann Die Tür­kenpolitik und die politisch-kirchlichen Parteiungen auf dem Reichstag zu Regensburg 1532 (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte 25, 1910) 22, 29 und bes. 56-116. 19) Ein Teü dieser Kundschafterberichte liegt u. a. auch im Staatsarchiv Marburg Politisches Archiv 299 fol. 37r—39r (Gleichstück zu Anm. 53), im Staatsarchiv Weimar Reg. H n. 69 fol. 29 rv (dieses Stück wurde vom Nürnberger Gesandten Clemens Vol- kamer der sächsischen Kanzlei übergeben, ist mit keinem der in Regensburg verlese­nen Berichte identisch) bzw. ebenda n. 70, fol. 104r-107v (Gleichstück zu Anm. 56) in den Akten zum Nürnberger Gespräch eingebunden und durch die Korrespondenz (u. a. Stadtarchiv Ulm A 1204 und 1205) fixierbar. Ob noch weitere Berichte verlesen wur­den, konnte bis jetzt nicht endgültig geklärt werden. Verschiedentlich sind die vor dem Plenum des Reichstags verlesenen Berichte jedoch nur in Zusammenfassungen erhal­ten, die man an die Fürsten übersandte: vgl. u. a. Generallandesarchiv Karlsruhe 50/41 unfol. (Zusammenfassung des mündlichen Kundschafterberichtes vom 29. Juni, der am 6. Juli 1532 den Ständen verlesen wurde; vgl. Anhang 2).

Next

/
Thumbnails
Contents