Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)
AULINGER, Rosemarie: Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532. Meldungen an den Reichstag
150 Rosemarie Aulinger Italien gerichtet zu sein, erst allmählich traten Ungarn und Deutschland als Ziele in den Vordergrund14). Bedingt durch die wirtschaftlichen Beziehungen zum Orient, in erster Linie zur Levante, waren die Venezianer die wichtigsten Überbringer von Nachrichten aus der Türkei. Nicht weniger bedeutend war die Führungsschicht der Stadt Ragusa (Dubrovnik), die durch ihre Lage - als nur seeseitig offene Enklave in türkisch beherrschten Gebieten — zwangsläufig auf eine freundschaftliche Beziehung zum Osmanischen Reich bedacht war, aber nichtsdestoweniger auch wesentlich zum Kundschafterdienst über die Vorgänge am Balkan und in Konstantinopel beitrug. Dies bedeutet, daß in erster Linie Kaufleute, die dort arbeiteten oder Vertretungen unterhielten, zu den wichtigsten Gewährsmännern wurden, da man sie am wenigsten verdächtigte. Vielfach stellten sie aber einfach den „Umschlagplatz“ für Neuigkeiten dar, die durch ihre Mittelsmänner (zum Teil von sehr großem Einfluß und mit bedeutenden Freunden am Hofe des Sultans) an sie übergeben und von ihnen an die Auftraggeber in Spanien, Italien, Ungarn oder Deutschland - oder sicherlich in vielen Fällen auch an den Meistbietenden — weitergeleitet wurden. Dazu kamen noch „Agenten“, die eigens als Kundschafter ausgewählt, darum aber wegen mangelnder Sprach- und Militärkenntnisse viel öfter von den Türken als solche erkannt und gefangen genommen wurden15). Gerade für das Jahr 1532 ist uns eine Reihe von Männern bekannt, über die Berichte aus der Türkei nach Deutschland und Österreich kamen: etwa Michael Bucinic, Nikolaus Ferduci, der „Conte d’Ella“ oder Angelo und Julio Caraffa16). Im Zusammenhang dieser Arbeit soll aber nicht näher auf diese Kundschafter eingegangen werden, da Jozip Zontar eine interessante und sehr wertvolle Studie über den Kundschafter dienst und die Diplomatie der österreichischen Habsburger im Kampf gegen die Türken im 16. Jahrhundert verfaßt hat und im wesentlichen über die Tätigkeit dieser Männer Aufschluß gibt17). 14) Erst im Frühjahr 1532 (etwa im Mai) wurde man sich in Deutschland auf Grund der Kundschafterberichte darüber klar, daß sich Süleymans Zug in erster Linie gegen Deutschland richte: vgl. Zontar ObveScevalna sluzba 214. Der Sultan hielt wohl bewußt die Stoßrichtung seines Angriffes geheim, um die Rüstung Karls V. und der anderen europäischen Staaten zu behindern. ls) Zumeist tarnten sich die „hauptamtlichen“ Kundschafter als Kaufleute oder wandernde Mönche, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen; einer von ihnen war der Franziskaner Fra Bernardino Pomazanic (Pomasanich) aus Pazin (Pisino, Istrien): Zontar Obvestevalna sluzba 205ff. 16) Michael Buöinic (Bucignolo) stammte aus einer altadeligen Familie in Ragusa. Nikolaus Ferduci aus Ancona war aber Kaufmann und Bürger von Rijeka (Fiume); hinter dem Decknamen Angelo Caraffa verbarg sich der bekannte Humanist Damiano Benessa (Benesa) aus Ragusa, der Patrizier Marino Kabucic (di Caboga) hinter „Conte d’Ella“; wer unter dem Pseudonym Julio Caraffa Berichte an Ferdinand und Karl V. sandte, ist noch nicht geklärt: ebenda 198-205 und 211-216. Eine Reihe von Briefen dieser Männer liegt in den Beständen Hungarica 19 und 20 und Turcica 2 des HHStA. 17) Vgl. Anm. 12. Eine umfangreiche deutsche Zusammenfassung macht die Arbeit auch für Historiker, die nicht slowenisch verstehen, benützbar. Zwangsläufig wurden