Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter

498 Lorenz Mikoletzky auf der dann neuen Karte Europas nur der, der sich vorgesehen hat und sich wehren kann1“39). Wie Legationssekretär Adrian Rotter an Theodor Hornbostel schrieb, hatte Mussolini im September 1935 anläßlich eines Besuches einer Delegation des österreichischen Gewerkschaftsbundes Ähnliches angedeutet, als er meinte, „daß die Stimmung in Italien vollkommen ruhig sei . . aber weiters fest­stellte: „Noch im Laufe dieser Woche wird die Entscheidung fallen. Wir sind entschlossen. . . . Ich glaube nicht, daß man noch von Sanktionen reden wird. Es würde dann ein europäischer Krieg werden. Wenn die Engländer geglaubt haben, uns mit ihrer Flotte einschüchtern zu können, so kennen sie das italienische Volk schlecht“40). Der Duce hatte einmal von drei Möglichkeiten gesprochen, die Italien hätte: ,Mit Genf, ohne Genf oder gegen Genf“. Nicht nur aus Rom kamen dämpfende Stimmen. Der Evening Standard in London nahm Österreich gegenüber einen unfreundlichen Standpunkt ein und zwar noch vor dem italienischen Überfall auf Abessinien (am 5. Septem­ber 1935). Die aus London einlangende Übersetzung lautete: „Der Verfasser des Leitartikels stellt darin fest, daß die Weltereignisse eine böse Wen­dung genommen hätten. Das Kollektivsystem breche zusammen, da Italien seinen Streit mit Abessinien auf eigene Faust ausfechten wolle. Während Großbritannien aufs schärfste die Politik des italienischen Regierungschefs bekämpfe, zolle Frankreich der britischen Redlichkeit Beifall, sympathisiere aber gleichzeitig mit den italienischen Ansprüchen. Österreich erwarte, daß dieses gleiche Kollektivsystem dazu berufen sei, seine Unabhängigkeit gegen die nationalsozialistischen Ansprüche zu wahren, mache aber nicht gemeinsame Sache mit jenen Nationen, die die Unabhängigkeit Abessiniens schützen wollten und sympathisiere mit Italien. Zur gleichen Zeit übertrete dieses Land offen die Bestimmungen des Vertrages von St. Germain und paradiere mit Luft­streitkräften, die ihm dieser Vertrag verbiete. Österreichs gegenwärtige Hal­tung werde von den übrigen Nationen nicht vergessen werden; es habe wenig zu hoffen, wenn es an die Reihe komme — und sein Name stehe als nächster auf der Liste“41). Schon wenige Tage zuvor war ein Entrefilet im Sunday Express (der Sonn­tagsausgabe des weit verbreiteten Daily Express) erschienen, in dem die Österreicher ein sonderbares Volk genannt wurden. Sie verlangten den Schutz des Völkerbundes gegen einen deutschen Angriff und sprächen Abes­sinien das Recht ab, den Schutz dieser Organisation gegen einen italieni­schen Angriff zu verlangen. Dies sollte man sich gut merken. „Wenn der Tag kommen und England aufgefordert werden sollte, die närrische und üble Ga­rantie zu erfüllen, die Sir John Simon gegeben habe, wonach England für alle Zeiten die Unverletzlichkeit Österreichs gegen alle Völker zu gewährlei­sten habe, möge Österreich vielleicht Ursache finden, sein ge­genwärtiges Verhalten zu bedauern...“42). Ende September kam 39) NPA 556 ZI. 38.432/1935. - Sperrungen vom Verfasser. 40) Ebenda ZI. 38.329/1935. _ Sperrung vom Verfasser. 41) Ebenda ZI. 34.932/1935. - Sperrung vom Verfasser. 42) Ebenda, Beilage zu ZI. 34.932/1935. — Sperrung vom Verfasser.

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