Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter
Österreich, Italien und der abessinische Krieg 499 vom österreichischen Gesandten in Athen, Lothar Wimmer, eine Meldung über ein Gespräch mit dem englischen Geschäftsträger, in dem ihm dieser unter anderem mitgeteilt hatte, „der deutsche Geschäftsträger habe sich dahin vernehmen lassen, daß er derzeit nicht an eine deutsche Aktion gegen Österreich glaube, daß sich jedoch dieses Bild in einem Jahr leicht ändern könnte“43), sodaß die zitierten Zeitungsartikel scheinbar ad acta gelegt werden konnten. Schon 1935 wurde das italienische Oberkommando in Abessinien ausgewechselt, an De Bonos Stelle trat Marschall Badoglio. Vollgruber berichtete dazu am 25. November, Mussolini habe nur Wert darauf gelegt, „daß diejenigen Gebiete, die 1896 verloren gegangen sind, durch einen fascistischen General wieder erobert werden und so einerseits die Wiedergutmachung der damaligen Schlappe angesichtlich als Verdienst des fascistischen Regimes erscheine, andererseits die Partei und ihre Führer die Genugtuung erhalten, daß sie dieses Aktívum restlos auf ihr Konto buchen dürfen“44). Um die Jahreswende machten sich schon die Auswirkungen der Sanktionen bemerkbar. Vom 20. Oktober 1935 bis 1. April des folgenden Jahres war der italienische Goldbesitz in der Höhe von 4.316 Millionen Lire auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Das ursprünglich schwerwiegende Erdölembargo schien jedoch mit der Zeit viel von der entscheidenden Wirkung verloren zu haben. Erstens waren große Vorräte angelegt worden und zweitens war schon damals die Frage des synthetischen Benzins in Lösung begriffen45). Gesandter Vollgruber übermittelte übrigens die Meinung des englischen Botschafters in Rom: „Italienischerseits rechne man immer mit dem Zusammenbruch Abessiniens. Die Berichte seines Kollegen in Addis-Abeba (des englischen Gesandten, d. Vf.), die er zur Einsicht erhalte, machten ihm aber den Eindruck, daß man hier ganz falsch rechne“(10. Februar 1936)46). Am 5. Mai 1936 besetzten die italienischen Truppen die Hauptstadt Addis Abeba. Der Kaiser verließ das Land über Dschibuti, wo ihn ein britischer Kreuzer in Empfang nahm. Haile Selassie I. kämpfte im Exil mit bewunderungswürdiger Haltung für seine Rechte weiter. Am 29. Juni 1936 erschien er persönlich in der Versammlung des Völkerbundes, um das Gewissen der Welt aufzurufen, für dessen Regung in Genf allerdings die Zustimmung der Großmächte nötig war. Der Kaiser ohne Land sagte in einer eindrucksvollen Rede: ,,. . . es handelt sich um die Frage der kollektiven Sicherheit; um den Bestand des Völkerbundes; um das Vertrauen der Staaten in internationale Verträge; um den Wert der Versprechungen, die den kleinen Staaten gemacht wurden, daß ihre Unverletzlichkeit und Unabhängigkeit geachtet und gesichert werden. Es geht um die Wahl zwischen dem Grundsatz der Gleichheit der Staaten und der Auferlegung der Unterwerfung für kleine Mächte. Mit einem Worte: es geht um die internationale Moral! . . . Wenn eine «) Ebenda ZI. 38.334/1935. 44) NPA 555 ZI. 39.843/1935. — Gemeint war die Niederlage bei Adua, vgl. oben S. 487. 45) Vgl. NPA 558 ZI. 34.083/1936. 46) Ebenda ZI. 35.290/1936. 32*