Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter
Österreich, Italien und der abessinische Krieg 495 vermerkte der Referent nach Lektüre der folgenden Textstelle: .. anfragen, wer der Narr ist“. Unter anderem schrieb Kofler: „Abessinien trete Italien ein größeres Gebiet seines Landes, etwa die eine oder andere oder mehrere Provinzen ab, jedoch nicht als annektiertes Kolonialland der Kgl. Italienischen Krone, sondern lediglich als Pachtkonzession, ähnlich den ausländischen Pachtgebieten in China, gegen Bezahlung einer jährlichen noch zu vereinbarenden, eventuell, je nach der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Konzession, Patentgebüh- ren-ähnlich von Jahr zu Jahr aufgestuften (erhöhten) Pachtsumme (die nicht den hundertsten Teil des bis heute für diese kriegerischen Maßnahmen notwendig gewordenen Kapitalaufwandes betragen würde!), zahlbar durch 50-100 Jahre. Das Konzessionsgebiet hätte jedoch an sich im Grunde nach wie vor souverain abessinisches Eigentum zu bleiben. Eventuell könnte als äußerstes Entgegenkommen die Durchführung eines nach etwa 5—10 Jahren nur für die vor der Konzessionsübemahme vorhanden gewesenen und alleinabstimmungsberechtigt zu erklärenden abessinischen Einwohner vorzunehmenden Plebiszits zugebilligt werden, um das eingeborene Volk darüber entscheiden zu lassen, ob es auch weiterhin offiziell abessinisch bleiben und nur wirtschaftspolitisch als Bewohner der Konzessionsgebiete dem Einfluß und den Gesetzen der Italienischen Behörden unterstehen, oder ob es voll und ganz und in jeder Hinsicht bei Italien verbleiben und als ein (wenigstens einigermaßen) civilisierter Teil des gesamten Italienischen Volkes gelten will“31). Soweit die „Sorgen“ des Herrn Kofler. Im Dezember 1935 erfolgte eine Einladung besonderer Art an die österreichische Bundesregierung, wobei es in Liebitzkys Bericht aus Rom dazu heißt: „Da die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan sich um die Zulassung von Offizieren zur Besichtigung des abessinischen Kriegsschauplatzes beworben haben, hat sich das italienische Kriegsministerium entschlossen, alle nicht an den Sanktionen beteiligten Staaten zur Entsendung eines Offiziers zur Bereisung der Eritreafront einzuladen. . . . Nunmehr erhielt ich die Einladung für einen österreichischen Offizier, der Gast des Oberkommandos wäre . . ,“32). Österreich entsandte den Oberst im Bundesministerium für Landesverteidigung Franz Böhme, was Generalmajor Alfred Jansa dem Außenamt am 14. Dezember mitteilte. Neben den Gerüchten um die „eingezogenen Südtiroler“ beschäftigte man sich in Wien mit der angeblichen Ausweisung von Ausländern aus Italien. Dazu wurde Vollgruber in einem vertraulichen Gespräch im Palazzo Chigi mitgeteilt, „daß die durch die Sanktionen verschärfte wirtschaftliche Lage allenfalls nötig machen könnte, ausländische Arbeitskräfte, die dem Arbeitsmarkt zur Last fielen, auszuweisen; diese Maßnahme würde aber grundsätzlich nur gegen Staatsangehörige von Sanktionsstaaten ergriffen werden; gegenüber Österreich käme eine solche Maßregel überhaupt nicht in Frage“33). Die Zeitungen trugen viel zu den immer wieder auftretenden Gerüchten bei, hatten dann aber im Endeffekt bisweilen die Gabe prophetischer Vorschau. 31) Ebenda ZI. 40.751/1935. 32) Ebenda ZI. 40.597/1935. 33) Ebenda ZI. 40.363/1935; vgl. ferner ZI. 40.285/1935 und 40.507/1935. Sperrung im Orig.