Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter

496 Lorenz Mikoletzky So kritisierte der österreichische Presseattaché in Rom, Dr. Kurt Frieberger, die Berichterstattung der Neuen Freien Presse, nach der der Leser den Ein­druck der „denkbar pessimistischesten Stimmung in Italien“ gewinnen müs­„Daß ein Volk sich plötzlich der ganzen Welt gegenüber sieht, weit vereinsamter und weit verlassener als jede der Zentralmächte während des Weltkrieges, drückt begreifli­cherweise auf die Stimmung. Gerade im Hinblick auf diese Verhältnisse muß ich aber pflichtgemäß feststellen, daß die Haltung der Bevölkerung im allgemeinen nicht im ge­ringsten einer solchen Berichterstattung entspricht. Gewiß gibt es, namentlich in den intellektuellen Kreisen, die alles besser wissen, Miesmacher und Hasenfüße, die große Masse der Italiener zeigt sich ungemein entschlossen und kouragiert“34). Dieser Stimmungsbericht änderte sich jedoch im Laufe der Zeit in die Rich­tung, in der die Zeitungen schon vorher berichtet hatten. Am 3. Dezember 1935 hieß es, „daß die Stimmung in Italien in letzter Zeit recht bedeutende Wandlungen durchge­macht habe. Man bekommt überall und in allen Bevölkerungsschichten eine so freie und teilweise scharfe Kritik der herrschenden Zustände zu hören, wie sie noch vor kurzem wohl kaum ein Italiener für möglich gehalten hätte. . . . Andererseits existiert jedoch gerade in der Arbeiterklasse . . . noch eine beträchtliche Kriegsbegeisterung ge­gen Abessinien und man hört auch noch immer begeisterte Versicherungen, es für .un­seren Duce' mit der ganzen Welt aufnehmen und gerne für ihn seine Haut zu Markte tragen zu wollen. Zur Ernüchterung der Bevölkerung mag auch beitragen, daß tat­sächlich Abessinien viel weniger zur Kolonisation geeignet zu sein scheint, als man ur­sprünglich annahm“35). Die Verbindungen zu Italien waren in den Jahren nach 1918 in den verschie­densten Berührungsetappen auch von Antagonismus geprägt gewesen36). Mussolini betrachtete mit Mißtrauen die Versuche Deutschlands, Österreich einzuverleiben. Anläßlich eines Besuches Hitlers in Venedig wurde festge­stellt, daß der „Anschluß“ nicht „akut“ sei. Aber diese Sympathiekundge­bung wich bald der brutalen Realität, die im Röhm-Putsch und vor allem in der Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß gipfelte. Die An­schlußfrage wurde zum Sprengsatz des deutsch-italienischen Verhältnisses, wobei der Abschluß der „Römischen Protokolle“ am 17. März 1934 die erste Etappe auf dem Kurs der aktiven italienischen Schutzmaßnahmen für Öster­reich bildete. Nach dem Dollfuß-Attentat setzte Mussolini, wie heute fest­steht, nur kleinere Divisionseinheiten an den Brenner in Marsch. Die seit Wochen laufenden intensiven Kriegsvorbereitungen gegen Abessinien banden offenbar bereits zu viele Kräfte, als daß der italienische Diktator ein ernst­haftes Risiko eingehen oder gar eine Entscheidung Österreichs wegen suchen durfte. Denn trotz der schwerwiegenden Wiener Ereignisse war Mussolini bei aller Antipathie gegen Hitler damals nicht bereit, sein Kolonialuntemehmen zurückzustellen. Die spektakulären Presseberichte über Mobilisierungen in 34) Ebenda ZI. 40.262/1935. 35) Ebenda ZI. 40.350/1935. 36) Vgl. dazu allgemein Di Nolfo Die österreichisch-italienischen Beziehungen passim.

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