Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916 - @1 NECK: Zu den österreichisch-italienischen Archivverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg

436 Rudolf Neck spielen sollte4). Die Ressentiments gegen Italien erwiesen sich bei Kriegsende als erheblich stärker und man wollte den „Katzelmachern“ Schwierigkeiten machen, indem man ihren neuen Rivalen in der Adria stärkte. Wir wissen, daß der Schritt Kaiser Karls es nicht verhindern konnte, daß dennoch Italien schließlich den wertvollsten Teil der österreichisch-ungarischen Flotte zuge­sprochen erhielt. Die antiitalienische Stimmung wurde nach den turbulenten Vorgängen um den Waffenstillstand und infolge der Massengefangennahme von Österrei­chern in den letzten Tagen und Stunden des Krieges eher noch ärger. Auch als die Waffen endlich schwiegen, stellten die Italiener weiterhin für die Österreicher das Bild eines Erbfeindes dar, ein Bild, das freilich von Furcht und Verachtung bestimmt, widersprüchlich und verzerrt wirkte und jeder ra­tionalen Prüfung unzugänglich schien. Dazu kam, daß Italien als Mitglied der obersten Gremien der Siegermächte, die den Frieden vorbereiteten, bei Österreich sofort besonders in Erscheinung trat, denn es war die einzige der Großmächte, die an unser Land Gebietsan­sprüche - und zwar sehr schmerzliche - stellte, und — wie bald klar wurde - auch kaum daran gehindert werden konnte, diese im vollen Umfang durch­zusetzen, während die kleineren Nachbarn doch gewisse Abstriche machen mußten. Außerdem erschienen die Italiener jetzt mit einer umfangreichen Militärmis­sion im Lande selbst, zunächst in Tirol und nach Weihnachten 1918 unter General Segré auch in Wien5). Sie installierten alsbald fünf Kommissionen, von denen die erste für zivile Angelegenheiten auch für die Auslieferung der Urkunden und Akten der neuitalienischen Gebiete zuständig war, und zwei beigegebene Kommissionen, deren zweite (oder siebente) die Abgabe von Kunstgegenständen bearbeitete. Die Italiener waren dabei offensichtlich be­strebt, noch vor Beginn der Friedensverhandlungen vollendete Tatsachen zu schaffen, nicht nur gegenüber dem Besiegten, sondern auch vor ihren Alliier­ten und Assoziierten. Sie gaben damit das schlechteste Beispiel für die ande­ren Siegerstaaten. Allerdings muß hier auch vermerkt werden, daß noch zahlreiche Ansprüche aus der Zeit nach den Kriegen von 1859 und 1866 bestanden und zwar auch von österreichischer Seite, strittige und schwierige Probleme, über die nie Einigung erzielt worden war. Hier setzte die Tätigkeit der Kommission zu­erst ein und erzwang mit allen ihr zur Verfügung stehenden Druckmitteln gegen den Protest der österreichischen Stellen und der Staatsregierung die Übergabe zahlreicher Objekte, wobei weder List noch Gewalt gescheut wur­den. Es waren also zunächst die Italiener, die mit der Liquidierung der Kul­4) Johann Rainer Italien und das Ende der österreichisch-ungarischen Kriegs­flotte in Römische Historische Mitteilungen 18 (Festschrift Heinrich Schmidinger zum 60. Geburtstag, 1976) 121-134. 5) Dsbe Die italienische Militärmission in Wien 1918-1920 in Festschrift Hermann Wiesflecker zum 60. Geburtstag (Graz 1973) 267-280.

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