Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 427 an die von der am 4. Juni als Entlastungsoffensive für die Italiener begonne­nen Brussilov-Offensive schwer erschütterte österreichische Ostfront abzu­transportieren. Die österreichischen Angriffskräfte erwiesen sich als zu schwach. Bei der völlig veränderten-Frontlage im Osten war es auch nicht mehr möglich, Verstärkungen heranzuführen, so daß das AOK am 16. Juni das Einstellen der Offensive befehlen und die Truppen auf eine günstigere Verteidigungsstellung zurücknehmen mußte. Bei der Offensive hatte es sich als entscheidender Führungsfehler erwiesen, daß das „Thronfolger-Korps“, das XX. Korps, während seines Angriffes fünf Tage lang von der Artillerie des ihm benachbarten III. Korps unterstützt werden mußte, um dem Thronfolger einen sicheren Prestige-Erfolg zu ermög­lichen. So konnte das österreichische Generalstabswerk Österreich-Ungams letzter Krieg 1914—1918 auch mit Recht feststellen: „Hätte das III. Korps gleichzeitig mit dem XX. angegriffen, dann wäre es wohl nicht undenkbar gewesen, ähnlich wie bei Karfreit (Oktober 1917)26) die Verwirrung des Feindes auszunützen und über den Monte Cimone und den Ort Arsiero in ei­nem Zuge in die Ebene durchzustoßen“27). Hingegen bedarf die vorsichtige Formulierung in diesem Standardwerk österreichischer Militärgeschichts­schreibung, daß „man sich immerhin fragen mag, ob die österreichisch-unga­rische Offensive nicht schon vor der Krise im Nordosten (österreichische Ost­front) oder doch unabhängig von ihr .kulminiert“ hatte“28) der dort nicht ausgeführten Bestätigung. Diese hat die italienische Militärgeschichtsschrei­bung erbracht, die durch das Studium der Operationskarten des Heeresgrup­penkommandos Erzherzog Eugen und der österreichisch-ungarischen 3. und 11. Armee erhärtet werden kann. Die lange dauernde Versammlung der österreichischen Angriffstruppen in den Lessinischen Alpen, verbunden mit einer sorglosen Geschwätzigkeit im AOK in Teschen29), hatten es dem italienischen militärischen Nachrichten­nur unter der Bedingung gewährte, daß die Offensive in Südtirol sofort eingestellt werde; vgl. Wendt Der italienische Kriegsschauplatz 472—473 und Kundmann Kriegstagebuch, Tageseintragung von 1916 Juni 9, wo Kundmann hinsichtlich der Be­sprechung zwischen Conrad und Falkenhayn am 8. Juni in Berlin ausführt: „Chef hat nicht das Zeug, mit Falkenhayn überzeugend zu sprechen, immer wie der schlimme Schuljunge gegenüber dem Vorwürfe machenden Lehrer. Ich kam während der Bespre­chung herein, da hatte Chef den Kopf zwischen beiden Händen und starrte auf die Karte“ (411). 26) Dieser mit starken deutschen Verbänden gemeinsam unternommene Angriff führte zum völligen Zusammenbruch der italienischen Isonzofront und zum Rückzug der Italiener bis über den Piave. 27) 4 3 54. 28) Ebenda 355. 29) Schneller nimmt in seinen Kriegstagebüchern mehrfach Bezug darauf, so z. B. in der Tageseintragung von 1916 März 21: „Kagenek von Wien zurück, erzählt, daß dort alles von der bevorstehenden Italien-Offensive spricht“. Oberst Karl Graf Kage­nek war bis Kriegsbeginn 1914 deutscher Militärattache“ in Wien und dann zugeteilter Offizier beim deutschen Militärbevollmächtigten beim AOK, Generalleutnant August v. Cramon.

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