Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

428 Kurt Peball dienst ermöglicht, sehr bald Klarheit über die österreichischen Absichten in Südtirol zu erlangen. So hatte das italienische Oberkommando in Udine zum erstenmal Ende Dezember 1915 von den Offensivvorbereitungen erfahren30). Bereits am 20. Februar 1916 wußte das Kommando der italienischen 1. Ar­mee, dem der Frontbereich in den Lessinischen Alpen unterstand, Einzelhei­ten des Aufmarsches31). Damals befanden sich im Armeebereich bloß etwa 50 Bataillone. Da italienischerseits die Vorbereitungen für die 5. Isonzoschlacht (11. bis 13. März 1916) angelaufen waren, war zunächst an eine Verstärkung der italienischen 1. Armee nicht zu denken. Als später weitere genauere Be­richte über die österreichischen Absichten einliefen, die Folgaria und Lava- rone als Ausgangspunkte des Angriffes bezeichneten und eingehende Anga­ben über die dort in Stellung befindliche Artillerie enthielten32), wurde so­fort mit der Verstärkung der Verteidigungsstellungen und mit dem Heran­führen von Reserven für die italienische 1. Armee begonnen33). Sechs neu aufgestellte Infanterieregimenter und einige schwere Batterien wurden von der Isonzofront abgezogen. An der Tiroler Front sollten mehrere Unterneh­men die Versammlung der österreichischen Angriffsverbände stören. Der ita­lienische Generalstabschef, Generalleutnant Luigi Cadorna, entschloß sich, im Gebirge hinhaltend zu verteidigen und Verteidigungsschwergewichte im Gebiet der Sette Comuni und beiderseits des Valassa-Tales zu bilden. Im Gegensatz zu Conrad kümmerte sich Cadorna persönlich um den Ausbau der Verteidigung. Während Conrad den Kampfraum in der Vorbereitungszeit nie besuchte, obwohl das AOK keine größeren Kampfhandlungen zu führen hatte, hielt sich Cadorna mehrfach in den vorderen Stellungen auf. So war er in der Lage, unterschiedliche Auffassungen zu klären, die Ende April 1916 zwischen ihm und dem Kommandanten der 1. Armee, Generalleutnant Bru- satti, entstanden waren. Als General Brusatti an seiner Absicht, die beiden vorderen Stellungen nachhaltig zu verteidigen, festhielt, wurde er von Ca- doma abgelöst und durch Generalleutnant Conte Pecori-Giraldi ersetzt. Bei Beginn der Offensive verfügte die italienische 1. Armee gegenüber den 1921k österreichischen Bataillonen und 1193 Geschützen bereits über 167 Ba­taillone, wovon allerdings 45 Bataillone von der Miliz und sieben Bataillone von der Finanzwache gestellt waren. Bei Desenzano und Brescia standen 18 30) Vgl. Odoardo Marchetti II Servizio Informazioni della Grande Guerra (Roma 1937) 103-105 und Tullio Marchetti Trentotto anni nel Servizio Informazioni Mili­tari (Trento 1960) 137. 31) Vgl. ebenda. Zu den italienischen Abwehrmaßnahmen vgl. neben Baj-Maca- rio La „Strafexpedition“ 129ff auch Emilio Faldella La Grande Guerra 1 (Milano 1965) 179 ff. 32) Die italienischen Informationen stammten zumeist von Überläufern; vgl. KA AOK Op. Nr. 17.707, 23.536 und 25.539, sowie Pieropan 1916 Le Montagne scottano 13. Bemerkenswert ist auch die Tageseintragung Schnellers vom 25. April 1916: „Italienische Zeitungen enthalten ziemlich zutreffende Angaben unserer Truppenstär­ken im Angriffsabschnitt“ (Kriegstagebücher 1914-1918 1 725). 33) Hier und zum Folgenden vgl. Faldella La Grande Guerra 1 196ff. österreichi­sche Stärkeangaben zutreffend bei Wagner Der Erste Weltkrieg 136.

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