Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 411 die Kühe auf der Weide zu melken. Geschlafen wurde tagsüber in leerste­henden Heuhütten oder, wenn es die Witterung zuließ, in den Wäldern, des Nachts war man unterwegs, nachdem bei sinkender Sonne der einzuschla­gende Weg bestimmt worden war. Schaffners Kameraden scheinen diese Lebensweise nicht durchgehalten zu haben. Er berichtete später in lakonischer Kürze, daß er zuerst den einen und dann den anderen verloren habe und seinen Weg allein fortsetzen mußte. Und so war er denn Woche um Woche und Monat um Monat unterwegs. Ort­schaften und Straßen mied er konsequent und hatte nur das eine Ziel vor Augen, die Richtung nach Norden einzuhalten, denn dort mußte irgendwo die Schweiz sein und damit die Freiheit und die Rückkehr in die Heimat. Über Schaffners Fluchtroute gibt es keine Anhaltspunkte, denn er vermochte ja selbst nicht zu sagen, wo er gewesen war. Sicher ist indes, daß er anfangs August 1916 die Schweizer Grenze überschritt. Wo das geschah, konnte er nicht angeben, denn er dachte gar nicht daran, sich beim nächsten Gendar­merieposten zu melden. An das Leben in Gottes freier Natur gewöhnt, zog er, einem Landstreicher gleich, einfach weiter, nährte sich von Obst, das er aus Gärten stahl, und von Erdäpfeln, die er ausgrub und an einem abgelegenen Platz über einem Feuerchen briet, gleichsam als ob er den Beweis erbringen wollte, daß man auch ohne Geld und Papiere sein Fortkommen finden könn­te. Vier Wochen benötigte er, um auf Schusters Rappen von der Grenze bis in die Hauptstadt der Eidgenossen zu kommen; am 30. August 1916 hielt er sei­nen Einzug in Bern und meldete sich bei der österreichisch-ungarischen Ge­sandtschaft. Ein Protokoll wurde mit ihm aufgenommen, in dem er ebenso schlicht wie kurz über seine Flucht berichtete, dann setzte man ihn in den D-Zug und schickte ihn zu seinem Ersatztruppenteil. Dort wurde er neuer­lich über seine Erlebnisse befragt, denn es galt darüber zu befinden, ob er die Prämie erhalten sollte, die für eine „unter gefahrvollen Verhältnissen“ durchgeführte Flucht ausgesetzt war9). Er bekam die 50 Kronen. Bei dieser Gelegenheit gab er auf die Frage, warum er denn die enormen Strapazen der Flucht auf sich genommen habe, die lapidare Antwort: „Weil ich meinem Kaiser und Vaterland dienen will.“ Gewöhnlich kamen Unteroffiziere und Soldaten, die aus der Gefangenschaft geflüchtet waren, nicht mehr zum Fronteinsatz. Man hatte Verständnis mit den Vielgeprüften. Ausnahmen, etwa auf Grund freiwilliger Meldung, gab es schon. Keinesfalls war es üblich, sie auf jenem Kriegsschauplatz wieder ein­zusetzen, auf dem sie dem Feind in die Hände gefallen waren. Bei Schaffner wurde dieser Usus mißachtet. Im Herbst 1917 nahm er, inzwischen zum Kor­poral befördert und bei der HI. Maschinengewehrkompanie seines Regiments eingeteilt10), an der 11. Isonzoschlacht teil. Dann gibt es bis zum 4. Novem­») KM 10. ZI. 47.577 u. 49.714 v. 1915 (10-33/50, -2). 10) Meldung über die Einlieferung mit Magen- und Darmkatarrh in das mobile Epidemiespital Nr. 12 am 10. September 1917: Phonetische Kartei des BM. f. Inneres, Ref. IV/4/b.

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