Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

412 Ernst Rutkowski ber 1918 keine Nachrichten über ihn. An diesem Tage geriet er bei Bonzicco infolge der bekannten Auslegung des Waffenstillstandes mit dem Gros der k. k. 44. Schützendivision neuerlich in italienische Gefangenschaft. Diesmal konnte er nicht flüchten. Erst im August 1919 gaben die Italiener die als eine Art Faustpfand zurückgehaltenen österreichischen Kriegsgefangenen frei, und am 24. wurde auch Schaffner von der Heimkehrerzerstreuungsstation Wieselburg entlassen11). Im Fall Schaffner berührt es peinlich, daß ihm für seine Flucht und für sei­nen keinesfalls kurzen Frontdienst eine sichtbare Anerkennung versagt blieb. Wahrscheinlich fand sich niemand, der sich diesbezüglich seiner angenom­men hätte. Das war ja stets eine wesentliche Voraussetzung für die Verlei­hung von Auszeichnungen. In dieser Hinsicht erging es dem Landsturm-Infanteristen Josef Zocher12) wesentlich besser. Er war Mitte Oktober 1916 während der 8. Isonzoschlacht in Gefangenschaft geraten, wurde zuerst ein halbes Jahr auf der Insel Asi- nara interniert, dann im Sommer 1917 aufs Festland zurückgebracht und in der Nähe von Caravaggio (Provinz Bergamo) zu landwirtschaftlichen Arbei­ten verwendet. Obwohl die Behandlung leidlich war, entfloh er bereits nach kurzer Zeit. Das Schlafbedürfnis der Posten benützend, verließ er in der Nacht des 3. August 1917 die Unterkunft, schlug zuerst die Richtung auf Bergamo ein, wandte sich aber bald nach Norden in die Berge. Auch er hatte nur die Gestirne als einzige Orientierungshilfe, und auch er sah sich veran­laßt, hauptsächlich nachts zu marschieren. Nach einigen Tagen gelangte er ins Tal der Adda, übersetzte den Fluß bei Sassella, schlug einen Bogen um Sondrio, da er dort Militär wahrnahm, und folgte dann dem Val Malenco nach Norden. Er ließ die Häuser von Torre di S. Maria hinter sich und bog bei Chiesa nach Nordosten ins Val Lanterna ab, wobei ihm die Gipfel und Gletscher der Bernina-Gruppe als Wegweiser dienten. Je weiter er ins Ge­birge vordrang, desto schwächer wurde die Besiedlung, und doch gewahrte er immer wieder Alpini-Posten in der Stärke von 15 bis 20 Mann und mußte auf der Hut sein. Nach anstrengendem Aufstieg stand er endlich vor den Eis­feldern um den Sasso rosso, die dem Piz Palü vorgelagert sind. Diese maje­stätische Bergwelt, für den gut ausgerüsteten und erfahrenen Alpinisten ein begehrtes Tourenziel, mußte auf den bergungewohnten, jeder Ausrüstung ba­ren Flüchtling geradezu entmutigend wirken. Trotzdem versuchte er die Be­gehung des Gletschers, kehrte aber bald wieder um. Das Risiko, auszugleiten und für immer in einer Gletscherspalte zu verschwinden oder auf der weißen, n) Heimkehrerpräsentierungsblatt beim BM. f. Inneres, Ref. IV/4/b. 12) Geb. am 25. August 1896 in Strassenau (Benesov), Bez. Braunau (Broumov), Böhmen; Beruf: Müller. Zocher rückte am 15. Dezember 1915 zum k. k. Landwehr-In­fanterieregiment (LIR.) Nr. 30 (Hohenmauth, Vysoké Myto) ein, wurde Ende Jänner 1916 zum k. k. LIR. Nr. 27 (Laibach, Ljubljana) und im Juni 1916 an der russischen Front zum k. k. LIR. Nr. 4 (Klagenfurt) versetzt. Über die Flucht siehe den MBA. fol. 17-32 aus 100/1009 v. 1918 und den Bericht Res.-Nr. 4.151 des k. u. k. Militär-At- tachés in Bern v. 22. August 1917 im KM 10/Kgf ZI. 45.932 v. 1917 (10-33/357).

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