Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 405 trat, benützte er einen günstigen Augenblick, setzte die Kappe auf und mischte sich unter die italienischen Soldaten, von denen es überall wimmel­te. Da trotz des hektischen Getriebes die Gefahr der Entdeckung groß war, machte er sich schleunigst auf die Suche nach einem Versteck, um dort die Nacht abzuwarten. Er fand es im Nebentrakt einer offenbar von den Italie­nern in Brand gesteckten Fabrik, wo ihn nichts störte als beißender Rauch und fast unerträgliche Hitze. Nach einiger Zeit wurde er durch vertraute Ge­räusche aufgeschreckt, die er für Gewehrfeuer hielt. Als er Nachschau hielt, gewahrte er überall flüchtende Italiener und mußte vor einschlagenden Ge- schoßen Deckung suchen. Es war aber nicht das Infanteriefeuer der sehn- lichst erwarteten eigenen Truppen, denn plötzlich erfolgte eine überaus hef­tige Detonation, die ihn zu Boden warf; ein Hagel von Sprengstücken folgte. Nun wurde ihm klar, daß in der Nähe ein Munitionsdepot Feuer gefangen hatte und in die Luft flog. Vor die Wahl gestellt, unter Todesgefahr in der brennenden Fabrik zu blei­ben oder sie zu verlassen und eine neuerliche Gefangennahme zu riskieren, entschied er sich für das erstere. Bei diesem Entschluß zu bleiben, wurde ihm sehr schwer, denn die Explosionen wurden immer heftiger, der Brand der Fabrik nahm zu, die Mauern stürzten eine nach der anderen ein und zwan­gen ihn zu wiederholtem Wechsel seines Standortes, Sprengstücke schlugen rund um ihn ein, und er kam fast um vor Rauch und Hitze. Doch er hatte Glück und blieb bis auf kleinere Hautabschürfungen unverletzt. Erst als die Nacht hereinbrach, wagte er es, die fast niedergebrannte Fabrik zu verlassen. An den nach Süden hastenden Italienern vorbei, machte er sich auf den Weg zur Front, die ihre Existenz durch eine unverkennbare Geräuschkulisse ver­riet. Die ganze Nacht marschierte er, sich immer wieder auf kurze Zeit ver­bergend, bis in die Nähe von Udine. Obwohl bemerkt und angeschossen, ge­lang es ihm, sich im Morgengrauen zwischen den italienischen Nachhuten durchzuschlängeln und in einem Garten zu verstecken. Einer yorgehenden deutschen Patrouille gab er sich zu erkennen und wurde nach Udine ge­bracht, wo eine k. u. k. Sanitätskolonne den total Erschöpften aufnahm. Fregattenleutnant und Flugzeugführer Ernst Freiherr von Schönberger4), zugeteilt der Seeflugstation in Triest, hatte im Winter und Frühjahr 1916 an mehreren Bombardements militärischer Objekte im Hinterland des Feindes teilgenommen. Abgesehen vom moralischen Eindruck waren die erzielten materiellen Erfolge gering, denn die Bombenlast der Seeflugzeuge betrug 4) Freg.-Lt. Schönberger wurde am 4. Juni 1894 in Nyíregyháza als Sohn des Gene­ralmajors Bruno Frh. v. Schönberger geboren; 1904—1908 Militärunterrealschule in Kőszeg, 1908 Eintritt in die Marine-Akademie, 16. Juni 1912 als Seekadett ausgemu­stert, 1. August 1914 Freg.-Lt. Sein Fluchtbericht (Pola, 10. Oktober 1917) im Archiv der k. u. k. Marine-Sektion, Präs.-Kanzlei ZI. 5.144 v. 1917 (2-3/1); Bericht des k. u. k. Militár-Attachés in Bem Res.-Nr. 4.593/n v. 15. September 1917 (beiliegend ein mit Schönberger aufgenommenes Protokoll) ebenda ZI. 4.544 v. 1917 (2-3/1). Ferner KM 10/Kgf ZI. 54.025 v. 1917 (10-33/445), ZI. 54.026 v. 1917 (10-33/445-2), ZI. 51.229 v. 1917 (10-33/467). K. u. k. Marine-Akademie Jg. 1908, Blatt 50.

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