Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
406 Ernst Rutkowski nicht mehr als 100 kg, wozu noch einige Brandbomben kamen. Am 18. April 1916 flog er mit einer Maschine, deren Motor nicht einwandfrei funktionierte, einen nächtlichen Bombenangriff auf Treviso. Kurz nachdem er auf dem Rückflug die italienische Küste hinter sich gelassen hatte, liefen die Zylinder heiß, und bald darauf blieb der Motor stehen. Nach kurzem Gleitflug mußte er sich kurz vor 4 Uhr früh zur Notlandung auf See entschließen, die trotz hohen Seegangs leidlich gelang. Im Morgengrauen machte er die für ihn fatale Feststellung, daß ihn der starke Südost-Wind auf die italienische Küste zugetrieben hatte. Als zwei italienische Torpedoboote erschienen und das Feuer eröffneten, versuchte er das Flugzeug zu sprengen. Es mißlang und Schönberger und sein Beobachter, die ins Wasser gesprungen waren, wurden aufgefischt und gefangen genommen. Bereits aus dem ersten Lager in der Nähe von Rom plante Schönberger die Flucht, doch wurde nichts daraus, da die Italiener offenbar Wind davon bekamen. Er wurde in eine Art von Straflager versetzt und saß sogar mehrere Monate unter der Anklage der Meuterei in Untersuchungshaft, weil er und seine Lagerkameraden nach dem Tode Kaiser Franz Josephs Trauerflor angelegt und den Befehl, denselben abzunehmen, ignoriert hatten. Erst als eine in Geheimschrift abgefaßte Karte die Angehörigen von der Sachlage und dem Los der Häftlinge informierte und das internationale Rote Kreuz über Intervention des k. u. k. Kriegsministeriums Nachforschungen durchführte, wurde das Verfahren eingestellt. Im Lager von Pelago unweit von Florenz, wohin Schönberger nach seiner Haftentlassung kam, waren die Verhältnisse dank der ritterlichen Denkungsweise des italienischen Lagerkommandanten zufriedenstellend. Hier begann Schönberger alsbald, seine Flucht vorzubereiten, was mehrere Monate in Anspruch nahm. Vier Offiziere schlossen sich ihm an. Im Reserve-Kadetten Stephan Bernald fand er einen hervorragenden Zeichner, der mit viel Improvisation und Geschick die unbedingt erforderlichen Ausweispapiere nach entwendeten Mustern herstellte. Besondere Mühe bereitete die Anfertigung der Stempel, die aus Gummiabsätzen geschnitten werden mußten. Da drei Offiziere die italienische Sprache nur unzulänglich beherrschten, wurden für sie Dokumente angefertigt, die sie als serbische Offiziere auswiesen. Italienisches Geld und Zivilkleider konnten über die Lagerkantine beschafft werden. Anfangs September 1917 stemmten die zur Flucht Entschlossenen in einwöchiger nächtlicher Arbeit vom Raum der Offiziersdiener aus ein Loch in die 130 cm dicke Lagermauer und tarnten es tagsüber sorgfältig. Am 9. September 1917 war es soweit. Nach der abendlichen Kontrolle wurde die Mauer vollends durchbrochen. Als erster schlüpfte Schönberger hinaus, überquerte auf einem Holzsteg einen tiefen Graben und mußte nun, um im Dunkel der Nacht verschwinden zu können, eine drei bis vier Meter hohe beleuchtete Böschung bewältigen. Auf halber Höhe riß ein Grasbüschel aus, an dem er sich angehalten hatte, und er fiel mit Gepolter bis zur Brücke hinunter. Obwohl er im zweiten Anlauf das Hindernis schaffte, hatten ihn die Posten bemerkt und schlugen Alarm. Da es jetzt viel zu gefähr-