Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gerhard RILL: Die Garzweiler-Mission 1603/4 und die Reichslehen in der Lunigiana
24 Gerhard Rill Verwaltung, auch wenn sie eine ständige werden sollte, nach Garzweilers Vorstellungen nicht aus. Kaiserliche Beamte müssen ebenso das rechtliche Verhältnis zwischen Vasall und Vasall und vom Vasallen zum Untertanen kontrollieren wie auch eine Defensionsordnung für alle in der Lunigiana liegenden Reichslehen erlassen, so daß diese rechtlich wie müitärisch in „ain corpus“ gebracht werden64). Den aktuellen Anlaß für diese Forderung bildet die Notwendigkeit, den territorialen Arrondierungsbestrebungen der Spanier zu begegnen; diese nämlich stehen im Begriff, von Pontremoli aus, dessen Erhebung zur Stadt geplant ist, unter beträchtlichen Auslagen eine spanische Provinz in der Lunigiana einzurichten. (Pontremoli wurde noch vierzig Jahre später eine überragende strategische Bedeutung zugesprochen: Das von Spanien nach Neapel und Sizilien ziehende Militär marschierte über Pontremoli, hier befand sich eine Verteidungsbasis gegen die Toskana, die durch diese Anlagen auch von Genua und Parma getrennt wurde, während letzteres wiederum gegen Frankreich abgesichert werden konnte etc.65).) Der Kaiser aber müsse, so meint Garzweiler, diese Bestrebungen nicht nur vereiteln, sondern von Massa aus „ad ultimos fines Liguriae“ die Reichslehen zu einer Barriere zusammenschließen und zugleich aus den Lehen der Lunigiana, Grafigiana, Reggio und Modena sowie allen lombardischen Reichslehen eine (administrative und militärische) Einheit formen, wodurch Mailand „schier umbringt“ sein würde66). Wenn man gewöhnt ist, Italien während der spanischen Vorherrschaft im Zustand der Stagnation zu sehen, so hat dies - wenn überhaupt - nur in bezug auf die größeren Staatswesen der Halbinsel seine Berechtigung. Die Grenzzonen aber und die in deren Bereich liegenden kleineren Herrschaften befanden sich in permanenter Unruhe; es waren relativ wehrlose und von innen her durch Familienfehden, Rebellionen, Mißwirtschaft und Banditenwesen geschwächte Gebilde, deren Absorption durch mächtigere Nachbarstaaten den Balancezustand und die Ruhe gefährdeten. Garzweiler war überzeugt, daß eines Tages spanisches Militär die angeblich mit der Wenzelsurkunde verbundenen Ansprüche Mailands in der Lunigiana realisieren würde, nur den Zeitpunkt dafür konnte er nicht Vorhersagen67). Und die Politik des Gouverneurs wie die konsequenten Ansprüche des Mailänder Senates auf die Reichslehen68) schienen ihm recht zu geben. Die historische Entwicklung verlief jedoch in eine andere Richtung. Die Geschichtschreibung unseres Jahrhunderts hat die These einer (womöglich auf 64) Bericht Garzweilers, 1603 September 10: PI 1 fol. 131-139. 65) Vgl. Breve discorso giuridico-politico sopr’il Contratto della vendita di Pontremoli (1649) (Neudruck in Studi e documenti di Lunigiana 3, La Spezia 1977). 66) Bericht Garzweilers, 1603 September 28: PI 1 fol. 149-151. 67) Bericht Garzweilers, 1603 Oktober 12: PI 1 fol. 155-156. 68) Magni II tramonto 178ff; über die Machtverteilung zwischen Gouverneur und Senat vgl. Ugo Petronio II Senato di Milano 1 (Ius nostrum. Studi e testi 17/1, Roma 1972) 98ff und passim.