Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gerhard RILL: Die Garzweiler-Mission 1603/4 und die Reichslehen in der Lunigiana
22 Gerhard Rill gnetoli, für das der Erbe im Jahre 1600 — wiederum unter Berufung auf die Wenzelsurkunde — dem spanischen König den Lehenseid leisten mußte53). Um Mulazzo selbst gegenüber den Spaniern abzusichern, beriefen die Mala- spina 1603 eine toskanische Besatzung, die mit Unterbrechungen bis 1610 hier verblieb. Daß diese zahlenmäßig sehr bescheidene Truppe tatsächlich spanische Interventionen verhindern konnte, war wohl in erster Linie einer flankierenden propagandistischen Aktion der Malaspina zu verdanken: Als der Mailänder Senat 1605, also bereits nach der Abreise Garzweilers, alle Lehensträger in der Lunigiana — neben den Malaspina auch den Großherzog von Toskana und die Republik Genua - aufforderte, dem König von Spanien im Sinne der Wenzelsurkunde den Treueid zu leisten, warnten die Markgrafen in einem Rundschreiben die mächtigeren italienischen Staaten vor weiteren spanischen Aktionen, die unter ähnlichem Vorwand auch vor dem Papsttum, Venedig, Mantua, Modena, Urbino etc. nicht halt machen würden54). Es kann als sicher gelten, daß die Garzweiler-Mission als ein — wenn auch bescheidenes - Anzeichen kaiserlicher Präsenz in Reichsitalien den Vasallen bis zu einem gewissen Grad den Rücken stärkte, daß aber andererseits die spanischen Beamten kaum Konsequenzen aus dem kurzfristigen Auftauchen eines einzelnen Repräsentanten der Reichsrechte zogen. Auch konnte der Senat für sich geltend machen, daß für die Rechtssicherheit und die staatliche Kontrolle im spanischen Mailand das Fortleben mittelalterlicher Rechtsinstitutionen einen ständigen Unsicherheitsfaktor bedeute und die Intervention anderer - also nicht kaiserlicher und nicht spanischer — Mächte geradezu herausfordere55). ,Böse Nachbarn“, über die Fuentes oft klagte56), mögen sonst unbeabsichtigte spanische Aktionen provoziert haben. Garzweiler bezeugt diesen Zustand gegenseitigen Belauerns in der Lunigiana, wo die Toskana und Mailand einander gegenüberstanden und „einer gern stelen und der ander gern rauben wolt“57). Auch methodisch unterschieden sich die Interventionen der Spanier kaum von denen ihrer Rivalen. Pugliese58) hat einen Katalog der Anlässe zusammengestellt, die generell für die Annexion der kleinen Lehen benützt wurden und schließlich die „Patti di aderenza“, also neue Schutz- und Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Lehensträger und Okkupator, zur Folge hatten. In der Lunigiana steht neben dem Banditenwesen an erster Stelle die Rebellion der Untertanen. Da es eine Kavalierspflicht sei, den Unterdrückten zu helfen — so erklärte der Gouverneur von Mailand, 53) Branchi Lunigiana feudale 1 279-283. 54) Ebenda 353 ff; vgl. Manlio Erta Una tentata vendita secentesca dei feudi di Aulla, Bibola e Montedivalli nelle relazioni degli ambasciatori del tempo in Cronaca e storia di Val di Magra 5 (1976) 151ff. Vor einem geplanten Verkauf dieser Lehen warnte übrigens bereits Garzweüer am 24. April 1604, vor allem deshalb, „weyl Auola und Bibola das herz der Luniggiana ist“: PI 1 fol. 108-111. 55) Dieser Gesichtspunkt wird besonders betont von Cesare Magni II tramonto del feudo lombardo (Milano 1937) 176 ff. 56) Bericht Garzweilers, 1603 September 10: PI 1 fol. 131—139. 57) Ebenda. 5S) Le prime streite 85ff.