Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gerhard RILL: Die Garzweiler-Mission 1603/4 und die Reichslehen in der Lunigiana

Die Garzweiler-Mission 1603/04 und die Reichslehen in der Lunigiana 17 nicht mehr zu denken. Der Markgraf, der sich zugleich als Flüchtling wie als Gefangener in Mailand aufhielt, befand sich nun in jener ausweglosen Situa­tion, in die ihn die Spanier — mit mehr Erfolg als seinen Verwandten in Ma- drignano — hineinmanövriert hatten32). In beiden Fällen — Madrignano und Tresana — stand dem kaiserlichen Kom­missar der Gouverneur von Mailand, Pedro Enriquez de Acevedo, Conde de Fuentes, als Vertreter des spanischen Standpunktes gegenüber. Fuentes war am Kaiserhof alles andere als beliebt, obwohl er bei jeder sich bietenden Ge­legenheit seine Ergebenheit gegenüber dem Reichsoberhaupt betonte. Sein Verhalten, besonders im Streit um Finale, ließ jedoch das Gegenteil erken­nen. Der kaiserliche Gesandte in Madrid, Graf Khevenhüller, bezeichnete ihn als einen „vermössnen mann“, der „allhie sowol als andrer orthen für ain rauchen brueder gehalten“ werde. In einer zeitgenössischen Charakteristik erscheint er als scharf und witzig urteilender Despot, der sich von seinen Untergebenen umschmeicheln ließ und in seinen selbstherrlichen Handlun­gen weder vom Mailänder Senat noch von der Madrider Regierung korrigiert werden konnte; ,wenn er jedoch die Hilfe eines anderen benötigte, konnte er zum liebenswertesten und huldreichsten Menschen der Welt werden . . .‘33). Diese Zwiegesichtigkeit des Gouverneurs verfehlte auch bei Garzweiler ihre Wirkung nicht. Als „beschaiden und cortesemente“ rühmt der Kommissar seinen Gastgeber, als einen „liebhaber der justici“, der nur leider ein besse­rer Kriegsmann als Rechtsgelehrter sei und deshalb von seinen eigenen Be­amten hinters Licht geführt werde34). Garzweiler schwelgt um diese Zeit (September 1603) noch in Optimismus und Selbstgefälligkeit. Er habe alles bei Fuentes erreicht, obwohl er mit Kritik nicht gespart, vielmehr „ime die sach so rundt und teutsch zu verstehen gegeben“ habe; der Großkanzler von Mailand habe im Beisein zahlreicher Würdenträger geäußert, „ich hett im [Fuentes] das hertz gestollen, er miest thun was ich wolt“. Und gönnerhaft fügt Garzweiler hinzu: „Basta, ich und meine marggraven seindt wol zufrid- den.. ,“35). Als diese Berichte in Prag eintrafen, hatte jedoch der Optimismus des Kom­missars bereits beträchtlich abgenommen. Garzweiler war über die Zustände in der Lunigiana und die Festnahme der beiden Markgrafen seit April 1603 im Bilde, er hatte sich damals noch für eine Veräußerung oder Neubelehnung ausgesprochen — sicher nach Beratung mit den in Genua lebenden ehemali­gen Tutoren des vor kurzem gestorbenen Stefano —, da sich die beiden Mala­32) Über Tresana: Branchi Lunigiana feudale 2 (1898) 348-459, bes. 368ff; Staf- fetti Tresana bes. 16ff; dazu HHStA Feuda latina 64 (Trixianum I). 33) Berichte Khevenhüllers, 1603 April 3 und Oktober 9, 1605 April 21: HHStA Staatenabteilungen Spanien 14 (Abschriften, angefertigt von Georg Khevenhüller- Metsch nach den im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum liegenden zeitgenös­sischen Kopialbänden) fol. 180v, 210v, 206rv; Weisung 1603 März 7: Spanien 14 (Kon­zept); Storia di Milano 10 (Milano 1957) 75 f. 34) Bericht Garzweilers, 1603 September 10 Mailand: PI 1 fol. 131-139. 35) Garzweiler an Barvitius, 1603 September 10 Mailand: PI 1 fol. 163—164. Mitteilungen, Band 31 2

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