Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

284 Robert Hoffmann rückhaltung britischer Finanzkreise hielt angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage Österreichs und der Ungewißheit über die Auslegung der Reparationsbestimmungen auch nach der Ratifizierung des Friedensver­trages an, obwohl der Kursverlust der Krone eine günstige Kaufsituation schuf. Von privatwirtschaftlicher Seite war folglich für die britische Re­gierung vorerst keine Entlastung in der Frage einer wirtschaftlichen Sa­nierung Österreichs zu erwarten 133). X Die Krise der österreichischen Volkswirtschaft134) dauerte auch während der Herbst- und Wintermonate 1919/20 unvermindert an. Weder machte die Einbringung der Ernte die Fortsetzung der alliierten Lebensmittelzu­fuhr überflüssig, noch wurde das in der Folge der nachkriegsbedingten An­passungsschwierigkeiten gegebene Defizit der Handels- und Zahlungsbi­lanz durch große und langfristige Auslandskredite aufgefangen. Das fort­gesetzt steigende Defizit im österreichischen Staatshaushalt führte vielmehr zu einem sich ständig verstärkenden Druck auf den Wechselkurs und somit zu einer durch den Kurssturz der Krone herbeigeführten Devisenknapp­heit, welche den für die österreichische Industrie notwendigen Import von Rohstoffen und modernen Maschinen gefährdete. Dazu kamen noch die durch den Friedensvertrag auferlegten Behinderungen, wie die Gewäh­rung der Meistbegünstigung an die Siegermächte (auf drei Jahre) sowie das der Reparationskommission eingeräumte Generalpfandrecht auf alle staatlichen Vermögenswerte. Angesichts dieser Situation mußte jede Hoff­nung auf eine aus eigener Kraft erfolgende Wiedereingliederung Öster­reichs in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem als unrealistisch er­scheinen. Denn ebensowenig, wie irgendeine nationale Volkswirtschaft ge­rade in dieser Phase der Umstellung von der Kriegs- auf die Friedens­wirtschaft auf staatliche Intervention verzichten konnte, war, wie die bri­tischen „Reconstructionalists“ stets betonten, mit einem Aufschwung des europäischen Handels ohne vorhergehende Unterstützungsaktionen auf internationaler Ebene zu rechnen. Der Erkenntnis, daß die Prosperität Großbritanniens unmittelbar von der des Kontinents abhing, mit dem etwa ein Drittel des englischen Außen­handels abgewickelt wurde, stand die Ansicht der Treasury gegenüber, daß zuerst die Kriegsschuld getilgt und das Pfund Sterling gegenüber dem Dollar stabilisiert werden müsse. Welch direkter Zusammenhang zwischen der Selbsteinschätzung der wirtschaftlichen Lage Großbritanniens und der Frage einer Finanzhilfe für Österreich bestand, zeigte sich u. a. im 1S3) vgi. R e c k e r England und der Donauraum 67—74. is«) Eine Gesamtdarstellung der britischen Politik hinsichtlich einer Sanie­rung Österreichs bis zu den Genfer Protokollen (Oktober 1922): ebenda 134—164.

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