Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 281 der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich nicht verhindern las­sen 118). In der Treasury sah man die Lage anders. Vor einer großange­legten Sanierung Österreichs erschien finanzielle Hilfe auf kommerzieller Basis „like pouring water into a sieve“. Überdies brachte man kein Ver­ständnis dafür auf, „that the framers of the Peace Treaty should inflict what havoc they think fit and we should then take steps to remedy it“ 119 120 121). Dem Foreign Office wurde deshalb zu verstehen gegeben, daß man ohne Beteiligung der Verbündeten überhaupt nichts unternehmen könne und daß sich der britische Beitrag selbst dann innerhalb enger Grenzen be­wegen würde 12°). Hoover hatte den Obersten Rat inzwischen darauf aufmerksam gemacht, daß die laufenden Lebensmittellieferungen für Österreich bis zum 15. Au­gust ca. 80 Millionen Dollar ausmachten, aber damit keineswegs einge­stellt werden könntenm). Angesichts der noch immer als akut einge­schätzten Gefahr einer Bolschewisierung Österreichs wurde deshalb eine Fortsetzung der Lebensmittelversorgung unter der Bedingung ins Auge gefaßt, daß die österreichische Regierung in Waffenlieferungen an die gegen Räteungarn kämpfenden Tschechen einwillige. Die Zahlungs- und Lieferungsmodalitäten sollten unter die Agenden der Reparationskommis­sion gestellt werden, deren Errichtung im Friedensvertrag vorgesehen war 122). Die britische Hilfe für Österreich beschränkte sich damit auf eine Be­teiligung an der weiteren Versorgung des Landes mit Lebensmitteln und auch dies, nach dem Willen der Treasury, nur so weit, als damit keine Erhöhung der eigenen Schuld gegenüber den USA verbunden war123). An diesem „Sachzwang“ scheiterte auch ein Anfang Juli erfolgender di­rekter Vorstoß Wiener Finanz- und Industriekreise zugunsten britischer Investitionen in Österreich. Angeregt durch die Hoffnungen, die Oppen­heimers Mission erweckt hatte, trafen Ludwig von Neurath, der General­direktor der Kreditanstalt, Baron Adolf Ullmann, der Generaldirektor der ungarischen Kreditbank, Ing. Richard Pollak als Vertreter der Roth­schildbank sowie Leopold Pilzer, der Generaldirektor der Bugholz-Möbel­n*) Brief des Foreign Office an die Treasury, 1919 Juli 9: ebenda 55 f. ns) Note S. Armitage-Smiths (?), 1919 Juli 15: PRO Tr 12447/55374/30291. Adressat der Note war Sir John Bradbury (Joint Permanent Secretary to HM Treasury). 120) Brief von Bradbury an Curzon, 1919 Juli 23: ebenda. 121) Heads of Delegations, 1919 Juli 17: DBFP 1/1 118. 122) Ebenda 120. i28) Telegramm von Waley an McFadyean, 1919 September 16: PRO Tr 12447/55374. Daneben stand vor allem die Frage im Vordergrund der Über­legungen der Treasury, welche Sicherheiten Österreich für die Finanzierung der Lebensmittellieferungen anbieten könne. In diesem Zusammenhang wurde sogar die Entgegennahme österreichischer Kunstschätze ernsthaft in Erwägung gezogen. Ebenda und Telegramm von Blackett an McFadyean, 1919 November 14: PRO Tr 12447/55374/48921.

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