Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919
282 Robert Hoffmann fabrik, mit dem wohlwollenden Major Edward Borrow von der Inter- Allied Commercial Commission in Wien zu einer Konferenz zusammen. Dabei kam man zur gemeinsamen Feststellung: „Every industry in Austria would be glad to part with control of their interests to a reputable British financial syndicate in exchange for security. One of the first industries that should be taken over must be the development of waterpower which would tend to somewhat solve the coal problem“ 124). Der Kapitalbedarf wurde mit nicht weniger als 100 bis 150 Mill. Pfund Sterling beziffert, eine Summe, die natürlich von seiten der Treasury als völlig unrealistisch abqualifiziert wurde 125). In der Begleitnote Borrows trat außerdem eine auf Österreich bezogene innenpolitische Motivation zutage: „The above-named gentlemen were confident that if English capital took an interest in any particular industry, the question of the socialisation of that industry would at once be abandoned. Such a syndicate would also for a time be in a position to dictate the financial policy of the Government“ 126). Im Foreign Office, wo man sich durch die Restriktionspolitik der Treasury zunehmend brüskiert fühlte, wirkte Borrows Bericht als weitere Bestätigung der Ansicht, daß die zukünftige politische Position Großbritanniens im Donauraum entscheidend vom Ausmaß des finanziellen Engagements in Österreich abhängen werde. Da man eine weitere Diskussion mit der Treasury „on this side of the question“ für sinnlos erachtete, gab Lord Curzon den Auftrag, den Foreign-Office-Standpunkt unter Einbeziehung des Berichts von Borrow in einem zur Information des War Cabinet bestimmten Memorandum zusammenzufassen 127). Ob die Frage einer britischen Finanzhilfe im Zusammenhang mit diesem Memorandum im Kabinett erörtert wurde, ist nicht geklärt. In einem an Curzon gerichteten Schreiben vom 20. August zeigte sich die Treasury jedenfalls gegenüber dem Vorschlag der Entsendung einer offiziellen Finanzmission nach Wien „in regard to the resumption of trade between Austria and Great Britain“ als strikt ablehnend. Hinsichtlich einer privaten Handelsmission bestünden keine Einwände, doch hänge hier alles von den Reparationsbestimmungen ab, „which will fix the limits within which Austrian resources can in future be used for private trade between Austria and other coun124) Brief von Borrow an S. Ph. Waterlow (britischer Vertreter beim Supreme Economic Council), 1919 Juli 8: PRO FO 608 221/15582; die Konferenz zwischen Borrow und den österreichischen Wirtschaftsvertretern hatte am 4. Juli stattgefunden. 125) Brief der Treasury an Curzon, 1919 August 20: PRO Tr 12447/55374/ 33721. 126) Zitat siehe Anm. 124. 127) Notiz C. Howard Smiths, 1919 Juli 27: PRO FO 371 3530/106929; das Memorandum wurde ebenfalls von Smith, einem Angehörigen des War Department des Foreign Office, verfaßt: The advantages, commercial and political, of giving financial assistance to German-Austria, 1919 August 15: DBFP 1/6 153—156.