Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 273 die behaupteten, man müsse von Deutschland in den nächsten Jahren Re­parationsleistungen erzwingen, mit denen man sowohl Reformprogramme als auch den Wiederaufbau Europas finanzieren könne 84). Lloyd George schwenkte schließlich noch im April auf die Linie der Verfechter einer harten Reparationspolitik ein, was bezüglich der Nachfolgestaaten dazu führte, daß alle Erben der Donaumonarchie (mit Ausnahme Italiens) zur Bezahlung von Reparations- bzw. „Befreiungs“-Zahlungen verpflichtet wurden. Der britische Premier bemühte sich „also gewissermaßen, von ihnen einen Beitrag zur Erleichterung der englischen Steuerlastquote ein­zuholen, statt ihnen Wiederaufbaudarlehen aus englischen Steuergeldern zu gewähren“, wie es die „Reconstructionalists“ für eine Genesung des Weltwirtschaftssystems für unabdingbar ansahen85). Ende Mai kam es zur letzten großen Auseinandersetzung, als Smuts und Keynes gleichzeitig für eine Revision der deutschen Friedensbedingungen und eine gemäßigte Haltung in der Frage der österreichischen Reparationen eintraten. Da es aber Lloyd George, der wieder auf einen gemäßigten Kurs umzuschwen­ken versuchte, nicht gelang, sich im Rat der Vier durchzusetzen, gab Keynes nunmehr alle Hoffnung auf. Am 5. Juni schrieb er an den Premier, daß er „this scene of nightmare“ verlasse: „The battle is lost. I leave the twins [die Lords Cunliffe und Sumner] to gloat over the devastation of Europe and to assess to taste what remains for the British taxpayer“ 86). VIII Der erste Entwurf des Friedensvertrages wurde der unter Karl Renners Leitung stehenden österreichischen Friedensdelegation (u. a. ohne die am 20. Juli nachgereichten Finanz- und Reparationsbestimmungen) am 2. Juni übergeben. Im Verlauf des folgenden schriftlichen Meinungsaustausches zwischen den Österreichern und der Friedenskonferenz berücksichtigten die Siegermächte speziell im wirtschaftlichen Bereich einen Teil der Ein­wände. Diese partielle Revisionsbereitschaft kam nicht zuletzt unter briti­schem Druck zustande. Die in Foreign-Office-Kreisen schon seit März um sich greifende Frustration über die Konzeptionslosigkeit der britischen Mitteleuropapolitik war durch die Smuts-Keynes-Kritik am österreichi­schen Vertragswerk noch verstärkt worden. Dazu kam, daß die im Juni und Juli zirkulierenden Lageberichte Oppenheimers und Cuninghames alle früheren Warnungen im nachhinein zu bestätigen und den Argu­menten der Österreicher Recht zu geben schienen. Das latent schon immer vorhandene Unbehagen über die möglichen Folgen der Auflösung der 84) Vgl. Mayer Politics and Diplomacy 623—633. 85) Schmidt Politische Tradition und wirtschaftliche Faktoren. 86) Brief von Keynes an Lloyd George, 1919 Juni 5: Activities 1914—1919 469. Mitteilungen, Band 30 18

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