Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

274 Robert Hoffmann Habsburgermonarchie trat umso stärker in Erscheinung, je deutlicher man den direkten Zusammenhang zwischen der Lebensfähigkeit Österreichs und der Beibehaltung irgendeiner Form von wirtschaftlicher Einheit des Donauraums zu erkennen glaubte 87). Ein zweiter Aspekt betraf die von den „Reconstructionalists“ geforderte Beteiligung Großbritanniens am wirtschaftlichen Wiederaufbau des Kon­tinents, was gerade im Falle der bankrotten Volkswirtschaft Österreichs einen erheblichen Zufluß britischen Kapitals in der Form von Krediten und privatem Handelskapital bedeutet hätte: Darauf hofften z. B. die österreichische Industrie und Hochfinanz, deren Vorstellungen unvermit­telt in die Berichterstattung der britischen Vertreter in Wien eingingen. Die Treasury wußte den im Foreign Office und Board of Trade angesie­delten Befürwortern einer aktiven Außenpolitik mit Hilfe wirtschaftlicher Mittel aber noch während der Friedenskonferenz zu verdeutlichen, daß alle auf großangelegte britische Auslandsinvestitionen basierenden Pläne ohne ein finanzielles Arrangement mit den Vereinigten Staaten illusorisch bleiben mußten 8S). Am Veto der Treasury scheiterten insbesondere die auf eine Sanierung der österreichischen Volkswirtschaft hinzielenden Vorschläge Oppenhei­mers, welche dieser Anfang Juni noch im Auftrag von Keynes zu einem vieldiskutierten Memorandum zusammengefaßt hatte88 *). Formuliert als flammendes Plädoyer zugunsten eines wirtschaftspolitischen Engage­ments Großbritanniens in Österreich, zeugte Oppenheimers Argumenta­tion von einer durchgehend proösterreichischen Gesinnung, was einen Treasury-Beamten zur Feststellung veranlaßte, „that Sir F. Oppenheimer is too much sentimental about Austria to go out in this region again“ 90). Oppenheimers Maßnahmenkatalog sah unter anderem vor: „9. As the rebuilding of Austria depends entirely upon the grant of very considerable credits, the peace treaty should avoid any terms which would prejudice Austria’s capacity to repay ... 10. The best chance perhaps of an Austrian recovery arises, however, out of the position which Vienna occupied in the old Empire as the clearing­house for its various parts. If a similar position (even on a reduced scale) can be secured for Vienna, both the new Austria and Vienna can be saved... This presupposes some close economic intercourse between the new States — a task which with their prestige the Allies can accomplish ... 11. It is clear that if the Allies decide upon such a generous policy towards New Austria, involving new credits and the weight of their prestige, it will be essential that the Allies occupy a preponderant control in the interior administration of Austria ...“ 91 *). 87) Vgl. R e c k e r England und der Donauraum 128 f. 88) Über die Haltung der Treasury vgl. ebenda 52—59. 88) Siehe Anm. 60. 80) Brief von S. D. Waley an McFadyean, 1919 Juni 30: PRO Tr 12357/31907. Zum Verhältnis zwischen Foreign Office und Treasury siehe Abschnitt IX S. 280—284. »i) Memorandum Oppenheimers, 1919 Juni 3: siehe Anm. 60.

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