Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

268 Robert Hoffmann a sort of Zollverein which was to link the states carved out of the old Austrian Empire“ in Aussicht gestellt63 *). Cecil brachte sein Anliegen schließlich sogar im Supreme Economic Council zur Sprache, wobei er aber auf die Ablehnung des italienischen Delegierten Silvio Crespi stieß, der sich sogleich mit dem Delegierten Clémentel besprach, „um ihm klar­zumachen, welche Gefahr eine derartige Lösung für Italien bedeuten kann“e4). Tatsächlich bestand außerhalb Großbritanniens, wo, wie Otto Bauer zutreffend erkannte, die „unklaren Pläne einer Föderation der Nachfolgestaaten ... am meisten Anhänger“ hatten 65 66), lediglich in öster­reichischen Hochfinanz- und Industriellenkreisen ein echtes Interesse an der Beibehaltung der wirtschaftlichen Einheit des Donauraums; (was aber nicht ausschloß, daß praktisch jedermann in Österreich die radikale Zer­nierung durch die Nachfolgestaaten als unmittelbare Ursache der katastro­phalen Wirtschaftslage des Landes ansah)6e). Oppenheimer traf Mitte Mai in Wien ein und nahm sofort Kontakt zum österreichischen Staatssekretär für Finanzen, dem Nationalökonomen Jo­seph Schumpeter, auf. Dieser hatte wenige Tage zuvor in einem Zeitungs­interview gegen Otto Bauers Anschlußpolitik Stellung genommen und die Notwendigkeit eines friedlichen Verkehrs „mit allen und namentlich den umliegenden Staaten“ sowie einer ausgiebigen ausländischen Kredithilfe betont67). Schumpeter gelang es unschwer, Oppenheimer für seine eige­nen Vorstellungen zu gewinnen, die darauf hinaus liefen, Österreich einer weitestgehenden Kontrolle durch fremde Kreditgeber zu unterwerfen und dabei gleichzeitig die österreichischen Wirtschaftspositionen im Bereich der Nachfolgestaaten mit alliierter Unterstützung zu bewahren. Oppenheimer berichtete über Schumpeters Ansichten: „Austrians realise that without foreign assistance in putting their house in order, they are financially and economically ruined. On the whole, Allied assistance is probably the more popular because it would help in keeping some of the new states in check. Assistance would have to mean absolute tutelage. Minister of Finance insists that to this end Allies ought to establish strong financial Commission in Vienna with powers of a receiver in bankruptcy to 63) Oppenheimer Stranger Within 366. 83) Tagebuchnotiz Crespis, 1919 Mai 10: Silvio Crespi Verlorener Sieg. Italien und die Alliierten 1917—1919 (München 1937) 345. 65) Otto Bauer Die österreichische Revolution (Wien 1923) 146. 66) So konnte etwa der sozialdemokratische Nationalökonom Emil Lederer Ende 1921 mit Befriedigung feststellen, daß die österreichische Volkswirtschaft mit dem Abflauen der nachkriegsbedingten Hochkonjunktur eine spezielle Funk­tion als „Organisationszentrum der osteuropäischen Staaten“ (wieder-)gewinne: Emil Lederer Die soziale Krise in Österreich in Archiv für Sozialwissen­schaft und Sozialpolitik 48 (1920/21) 681—706, hier 683 f. 67) Schumpeter in Neues 8-Uhr-Blatt, 1919 Mai 8: zitiert nach Stephan V e r o s t a Joseph Schumpeter gegen das Zollbündnis der Donaumonarchie mit Deutschland und gegen die Anschlußpolitik Otto Bauers (1916—1919) in Fest­schrift für Christian Broda, hg. v. Michael Neider (Wien 1976) 402.

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